• Veröffentlichungsdatum: 24.01.2018
  • – Letztes Update: 29.01.2018

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Mit Feuer und Schwert - Taktiken des IS

Markus Reisner

Aktuell sieht es danach aus, als wären die Tage des Islamischen Staates (IS) gezählt. In seinen Kerngebieten in Syrien und im Irak reiht sich zurzeit eine Niederlage an die andere, und es scheint, als kämpften seine Anhänger einen immer aussichtsloseren Kampf. Den laufenden Analysen relevanter polizeilicher und militärischer Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste entnimmt man, dass mit einem verstärkten Ausweichen von Kämpfern in den europäischen Raum zu rechnen ist. Es ist daher an der Zeit, einen analytischen Blick auf jene militärischen Fähigkeiten zu werfen, die diese Kämpfer möglicherweise mit nach Europa nehmen.

Als Abu Musab al-Zarqawi Ende 2005 im Irak seine ersten Überlegungen zur Gründung einer neuen islamistischen Widerstands- und Terrorbewegung angestellt hat, hätte er wohl nicht vermutet, dass seine Ideen einen derartigen Erfolg haben würden. Eigentlich war er zuvor Gefolgsmann von Al-Qaida im Irak (AQI), hatte sich aber von dieser (trotz des geleisteten islamischen Treueschwurs Bai'a) losgesagt und den Grundstein für eine neue Terrororganisation gelegt. Diese kennen wir heute unter dem Namen Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIL) bzw. unter Islamischer Staat (IS) oder im Arabischen unter der Bezeichnung Da`isch.

Im Dezember 2006 - wenige Monate nach al-Zarqawis gewaltsamem Tod - rief der IS im irakischen Mossul ein islamisches Kalifat aus - vor den Augen der amerikanischen Besatzungstruppen und deren kurdischen Verbündeten im Nordirak. Letztere konnten sich nicht erklären, warum die US-Streitkräfte zuvor nicht rechtzeitig auch die letzten Widerstandsnester in Mossul zerschlagen hatten. Ende 2006 war der IS jedoch zu schwach, um sein islamisches Kalifat mit tatsächlichen Geländegewinnen zu untermauern. Dazu fehlten noch die notwendigen Ressourcen. Diese mussten erst beschafft sowie eine funktionierende Organisation an Kämpfern aufgebaut werden.

Auf die Entstehung des IS wird nicht im Detail eingegangen, wichtig ist aber, dass man heute davon ausgeht, dass eine nicht unwesentliche Zahl an ehemaligen irakischen, militärisch ausgebildeten sunnitischen Geheimdienstoffizieren Saddam Husseins eine signifikante Rolle bei der Entstehung des IS gespielt haben. Viele der Gründungsmitglieder des IS Verband zudem der ideologische Hass gegen die, seit dem US-Einmarsch politisch dominierende, schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak. Es war ein erklärtes Ziel al-Zarqawis gewesen, einen Bürgerkrieg zwischen Schia und Sunna anzuzetteln. Dieser wurde bereits wenige Jahre nach dem Einmarsch der internationalen Koalition mit einer ungewöhnlichen Grausamkeit geführt und degradierte die ausländischen Besatzer oftmals zu Zuschauern in einem blutigen Hexenkessel. 

Von seinen verdeckten sunnitischen Rückzugsgebieten im Westen und Norden des Iraks expandierte der IS nach Syrien und eröffnete dort den Kampf gegen das alawitische Assad-Regime. Hier ergaben sich neue Möglichkeiten, Ressourcen und vor allem Waffen zu generieren. In wenigen Monaten kontrollierten die IS-Kämpfer bereits die syrischen Provinzen Raqqa und Deir ez Zor sowie deren Hauptstädte. Von dort kehrte der IS schließlich gestärkt über die syrisch/irakische Grenze bei Al-Qaim in den Irak zurück - willkommen von der Bevölkerung der Städte des so genannten sunnitischen Dreieckes wie Fallujah oder Ramadi.

Die Sunniten hatten inzwischen genug von der Unterdrückung durch die schiitisch dominierte Zentralregierung des Irak. Nachdem der IS aus Syrien kommend in den irakischen Provinzen Al-Anbar und Ninawa Fuß gefasst und im Jänner 2014 bereits Großstädte wie das bereits genannte Fallujah unter Kontrolle gebracht hatte, griff er im Juni 2014 die Stadt Mossul an und nahm diese im Handstreich ein. Schiitisch dominierte Sicherheitskräfte flohen Hals über Kopf und ließen Ausrüstung, Gerät und Munition zurück. Der Rest ist Geschichte. Die Welt blickte in den Irak und fragte sich: Wie hatte dies geschehen können?

Geheimnis des extremen Erfolges

Übersichtskarte von Syrien und dem Irak. (Foto: CIA World Fact Book)

Die territorialen Eroberungserfolge in Syrien, die fast „friedliche“ Einnahme der sunnitischen Gebiete des Westirak und der Fall der Millionenstadt Mossul bedeuteten für den IS einen enormen Erfolg. Im Dezember 2015 stand der IS in Syrien vor der Millionenstadt Aleppo, und im Irak führten seine verheerenden Anschläge in Bagdad zu Chaos und Unsicherheit. Während sich die internationale Staatengemeinschaft uneinig war, was zu tun wäre, begannen die USA, wieder Truppen in den Irak zu senden.

Es galt nun einen drohenden Kollaps der schiitischen irakischen Regierung zu verhindern. Währenddessen strömten tausende junge Männer aus aller Herren Länder nach Syrien und in den Irak, um dort ihrem Leben einen Sinn zu geben: im Kampf für Allah gegen die Ungläubigen oder vom Glauben abgefallenen Häretiker (wie Alawiten oder Schiiten). Der IS nutzte die nächsten Monate, um seine Siege propagandistisch auszuschlachten, die eroberten Gebiete abzusichern und neue Gebiete einzunehmen. 

Am 7. Jänner 2015 stürmten IS-Sympathisanten die Zeitungsredaktion von Charlie Hebdo, und bis heute erlebt vor allem Europa eine Welle von Terroranschlägen, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Der IS hatte in nur kurzer Zeit entscheidende Erfolge erzielt. Er hatte es geschafft, dass sich viele Angehörige der islamischen Umma (politisch-religiöse Gemeinschaft) mit seinen Zielen und Erfolgen identifizierten - der Ritterschlag für jede Terrororganisation. Die Ideen des IS waren zu Selbstläufern geworden.

Nun fragt man sich, wie es passieren konnte, dass aus einigen Wenigen derart Viele werden konnten? Wie es sein konnte, dass ein Dutzend zum Teil blutjunger Terroristen mit AK-47-Sturmgewehren, einigen Pick-ups und einem schwarzen Banner, auf dem das islamisches Glaubensbekenntnis und das Siegel des Propheten abgebildet ist (und somit vertraute Identifikationssymbole für die gesamte islamische Welt darstellen), einen Erfolg nach dem anderen erreichen konnten.

Irakische Truppen, ausgestattet mit amerikanischen Kampfpanzern M1 „Abrams“, sowie syrische Regime-Streitkräfte mit Kampfpanzern und Schützenpanzern russischer Provenienz, flüchteten Hals über Kopf beim Anblick der schwarzen Flaggen und verließen zu Hunderten ihre Stellungen. Selbst die „westlichen“ türkischen Streitkräfte mussten beim Kampf um die syrische Stadt Al-Bab Ende 2016 den Verlust einer gesamten Kompanie von „Leopard“ 2-Panzern hinnehmen. Nicht zu sprechen von rivalisierenden (sunnitischen, aber auch kurdischen) Rebellengruppen, die von den Kämpfern des IS quasi im Vorbeimarsch eliminiert wurden. All diese Erfolge des IS lassen jedoch bei genauerer Analyse exakte militärische Handlungsmuster erkennen, die bei näherer Betrachtung einem militärischen Handbuch entstammen könnten. 

Gemäß der Capability Hierarchy von NATO und EU werden moderne Streitkräfte durch die Abbildung einer spezifischen Anzahl von Fähigkeitsbereichen definiert. An diesen Fähigkeiten richten sich moderne Armeen bei der laufenden Transformation ihrer Streitkräfte aus. Auch das Österreichische Bundesheer nimmt laufend Anlehnung an diesen Entwicklungs- und Fähigkeitszielen. Diese werden bezeichnet als 

  • Nachrichtengewinnung und Aufklärung (Inform), 
  • Führung (Consult, Command & Control), 
  • Einsatzvorbereitung (Prepare), 
  • Wirkung und Einsatz (Engage), 
  • Truppenschutz (Protect),
  • Projektion von Kräften (Project) sowie 
  • Unterstützung und Durchhalten (Sustain).

Verfügt eine moderne Armee über die Eigenschaften dieser Fähigkeitsbereiche, so ist sie in letzter Konsequenz zum Kampf der verbundenen Waffen beziehungsweise zur initiativen Teilstreitkräfte übergreifenden Einsatzführung innerhalb der Faktoren Kraft, Raum, Zeit und Information fähig. 

Die These ist, dass der IS es innerhalb weniger Jahre geschafft hat, alle diese Fähigkeitsbereiche moderner Streitkräfte abzubilden; zwar in unterschiedlicher Qualität und Ausprägung, aber doch vollzählig und nachhaltig. Betrachtet man die angewandten Gefechtstechniken und Einsatztaktiken des IS, so kommt man zum Schluss, dass hier eine neue Qualität der Einsatzführung durch eine terroristische Organisation an den Tag gelegt wurde und nach wie vor wird. Diese überraschende Qualität des militärischen Handelns des IS wird nun auszugsweise beziehungsweise beispielhaft und unter Rücksichtnahme auf die Entstehungsgeschichte des IS betrachtet.

Inform

Eine Mini-UAV zur Gefechtsfeldaufklärung. (Foto: Archiv Autor)
Eine Mini-UAV zur Gefechtsfeldaufklärung. (Foto: Archiv Autor)

Exaktes Lagebild als Grundlage gezielten Handelns

Wie keiner anderen regionalen Terrororganisation des Nahen und Mittleren Ostens gelang es dem IS von Beginn an, ein weit verzweigtes Netzwerk an Informanten und Spitzeln zu errichten und zu betreiben. Vor dem Hintergrund des angezettelten innerreligiösen Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten entwickelten die ehemals dominanten sunnitischen Bevölkerungsschichten eine hohe Bereitschaft zur Kooperation mit der sich neu entfaltenden islamistischen Terrororganisation. 

Dadurch war es möglich, gerade am Beginn der Entstehung des IS gezielte Anschläge auf die Führungskader der schiitisch dominierten Sicherheitskräfte durchzuführen. Diese Mordanschläge wurden zudem dokumentiert und medienwirksam weiterverbreitet. Die bekannte und berüchtigte mehrteilige Videoserie, genannt „Tanzende Schwerter“, ist ein Beispiel dafür. 

Die gezielten Morde schüchterten nicht nur die irakischen Sicherheitskräfte ein, sondern hatten auch die Sympathie der sunnitischen Bevölkerungsschichten zur Folge - waren doch gerade die schiitischen Sicherheitskräfte für ihre Übergriffe auf sunnitische Zivilisten gefürchtet. Auf dem Höhepunkt des Erfolges, also bei der Eroberung der Millionenstadt Mossul, wusste der IS durch sein Spitzelsystem genau, wo er (inklusive einer mittels unterschiedlicher Medien durchgeführten Beeinflussungskampagne) ansetzen musste, und die Stadt war in wenigen Stunden in seiner Hand. Viele Erfolge des IS waren also möglich, weil seine Führung exakt wusste, wo die zu Beginn noch wenigen bewaffneten Kräfte eingesetzt werden mussten.

Consult, Command & Control

Straffe Hierarchie gepaart mit dezentraler Auftragserfüllung

Es ist davon auszugehen, dass sich der Führungskader des IS nicht unbedingt aus den ideologisch gefestigten und streng religiösen Männern rekrutiert, wie es anfangs angenommen wurde. Im Gegenteil: Immer wieder deuten Indizien darauf hin, dass sich hier ein Sammelsurium unterschiedlicher Charaktere zusammengefunden hatte - seien es ehemalige sunnitische Geheimdienstoffiziere einerseits oder junge aus dem Westen zugewanderte Technikfreaks andererseits. Es kann zu Recht davon ausgegangen werden, dass im Kern ein überschaubarer Kreis von Denkern eine vorausschauende Strategieentwicklung durchgeführt hatte. Dabei stand zu Beginn im Vordergrund, die sunnitische Bevölkerung zur Unterstützung zu motivieren. Erst danach kam das Ziel, die eigenen militärischen Fähigkeiten stetig weiterzuentwickeln. 

Betrachtet man vor allem den Kampf des IS in Syrien, so fällt auf, dass seine Angriffsziele gerade zu Beginn klug gewählt waren. Der IS versuchte sich dabei nie zu übernehmen, sondern füllte oft ein entstandenes Vakuum, oder spielte geschickt rivalisierende Rebellengruppen gegeneinander aus. Begleitet wurde dies von einer zentral gesteuerten Medienkampagne, in einer Qualität, die bis dahin unbekannt war. Die professionelle Aufmachung bekannter IS-Propagandaformate wie Dabiq, Amak oder aktuell Rumajah sind Beispiele dafür.

Manche Rebellengruppe (unter anderen die bis 2017 existierende Dschabhat al-Nusra) war zu Beginn zwar wesentlich erfolgreicher als der IS, nur wurden deren Erfolge medial zu wenig verwertet. Bald schlossen sich daher die ersten syrischen Aufständischen freiwillig dem IS an. Auch hier nützte der IS geschickt den Einsatz und Mix von lokalen und importierten Kämpfern. Die Selbsternennung von Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen und Nachfolger des Propheten erteilte der IS-Gesamtstrategie den notwendigen ideologischen und islamistischen Feinschliff. Straffe Führung, zunehmende militärische Erfolge und ideologische Legitimation verschafften dem IS Ansehen und Akzeptanz, vor allem in seinem näheren Wirkungsbereich.

Prepare

Vorausschauende Planung und gezielte Vorbereitung

Beim Einsatz seiner Kräfte unterschieden sich die Kämpfer des IS fundamental von anderen im Raum agierenden Rebellengruppen und regulären Streitkräften. Durch die gezielte Auswahl von fähigen und erfahrenen Führungskräften wurden die einzelnen militärischen Einsätze überlegt geplant und vorbereitet. Basierend auf einem oft über mehrere Wochen generierten Lagebild wurden für notwendige Angriffe exakte Pläne entworfen. Die Einsatzführung wurde in Phasen unterteilt, unterschiedlichen verfügbaren Waffensystemen exakte Rollen zugewiesen. Bestechend sind hier als Beispiel vor allem die Berichte der kurdischen Peschmerga, die immer wieder von den Angriffen der Kampfgruppen des IS überrascht wurden. 

Der Fluss Zab bildet eine natürliche Grenze zwischen den irakischen Provinzen Ninawa und Arbil. Trotz einer schon vor 2003 bestehenden Sicherungslinie kurdischer Kräfte ist es dem IS immer wieder gelungen, den Fluss zu übersetzen, Kämpfer unerkannt zu infiltrieren und komplette kurdische Zugsstützpunkte bis auf den letzten Mann niederzumachen.

Hinzu kamen Vorstöße bis tief ins kurdische Hinterland, wo unter anderem in der informellen kurdischen Hauptstadt Arbil Anschläge verübt wurden. Ähnlich verhielt sich die Situation in Bagdad, wo es immer wieder gelang, trotz starker Präsenz der irakischen Sicherheitskräfte, verheerende Autobombenanschläge zu verüben. Auch hier hatte sich der IS auf die Bevölkerung der sunnitischen Viertel abgestützt. Durch eine überlegte Planung, die gezielte Analyse von Schwachstellen und eine auf Sympathisanten abgestützte Vorbereitung gelang es dem IS, sukzessive spektakuläre Erfolge zu erzielen. 

Der IS kopierte die Taktik der Janitscharen, die mit leichter Kavallerie plünderten und mordete. (Foto: Unbekannt)

Engage

Initiative Manöverkriegsführung und hohe Flexibilität

Es scheint, als hätten die militärischen Planer des IS aufmerksam die Feldzüge der Umayyaden-Dynastie im 8. Jahrhundert studiert und Anlehnung an die Feldzüge legendärer historischer Reitervölker wie Hunnen, Awaren oder Mongolen genommen. Deren Militäraktionen zeichneten sich dadurch aus, dass sie, abgestützt auf den Rücken von Pferden, in kurzer Zeit große Gebiete eroberten. Schwer gepanzerte abendländische Ritterheere wurden dabei geschickt ausmanövriert oder aus der Distanz solange mit Pfeilen eingedeckt, bis sie aufgerieben waren. Die Umayyaden waren der nordafrikanischen Küste entlang vorgestoßen, hatten Mitte des 8. Jahrhunderts das Mittelmeer überschritten und waren in Spanien eingefallen. Dort herrschten sie bis ins 11. Jahrhundert.

Ähnlich wie seine arabischen Vorfahren zeichnete sich der IS von Beginn an durch einen hochbeweglichen Einsatz aus. Abgestützt auf leichte Fahrzeuge (vorrangig Pick-ups) mit mittlerer Bewaffnung, boten gerade die offenen Wüsten des Iraks und Syriens die Möglichkeit zum raschen Vormarsch. Nach den Erfolgen der verdeckten Einsätze und mit der Verfügbarkeit von erbeuteten Waffen und Fahrzeugen wurde zur offensiven Einsatzführung übergegangen.

Zuerst wurden jene gegnerischen Stellungen eingenommen, die in den Weiten der Wüstengebiete leicht zu erobern waren. Meist kreisten die IS-Kämpfer die gegnerischen Stützpunkte zuerst ein, beschossen diese dann mit großkalibrigen Waffen, griffen sie mit Sprengmitteln an und stürmten sie schließlich. Einerseits wurden taktisch unbedeutende Ziele angegriffen und andererseits auch gezielt strategische Knotenpunkte attackiert.

Die Einnahme jedes Stützpunktes verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den syrisch-alawitischen, irakisch-schiitischen oder kurdischen Verteidigern. Dies führte dazu, dass diese ihre Stützpunkte bereits dann verließen, wenn sie am Horizont die Staubwolken einer sich nähernden unbekannten Fahrzeugkolonne erkannten. Der IS konnte durch den flexiblen, hochmobilen Einsatz seiner Kräfte rasch erkannte Schwachstellen ausnützen und Kräfte nach Belieben verschieben. Erst mit dem Start der US-Operation „Inherent Resolve“ ab Herbst 2014 und der russischen Intervention in Syrien ab dem September 2015 wurde dieses Vorgehen des IS durch gezielte Luftschläge wesentlich erschwert.

Protect

Schutz vor modernen Waffensystemen 

Es wäre ein Leichtes, den Erfolg des IS ausschließlich auf seine hochmobile Einsatzführung zurückzuführen. Dies würde zudem seinen Gegnern unterstellen, dass diese bei den IS-Angriffen immer die Flucht ergriffen hätten. Das Gegenteil war oft der Fall. Die irakischen und kurdischen Besatzungen wehrten sich in ihren isolierten und eingeschlossenen Stützpunkten oft verzweifelt bis zum Letzten. War ihnen doch bewusst, was sie im Fall einer etwaigen Gefangennahme durch den IS erwarten würde. 

Die durchschlagenden „Präzisionswaffen“ des IS stellen bis heute mit Sprengstoff beladene, mit provisorischer Panzerung versehene und von Selbstmordattentätern gesteuerte Fahrzeuge dar. So genannte Suicide Vehicle Born Improvised Explosive Devices (SVBIED) wurden von Beginn an und in allen nur denkbaren Versionen eingesetzt. Anfangs dienten sie dazu, Stützpunkte zur Gänze in die Luft zu sprengen oder im urbanen Kampf eine Bresche zu schlagen. Reichte die Bresche nicht aus, wurde das nächste Fahrzeug herangeführt und zur Explosion gebracht. Panzerabwehrraketen mit kurzer Reichweite oder schweren Maschinengewehren der Verteidiger begegneten die IS-Kämpfer mit einer entsprechenden Panzerung. Oder man zog einfach erbeutete Schützenpanzer (z. B. BMP), gepanzerte Fahrzeuge (z. B. BTR, MRAP oder „Humvee“) oder Zugmaschinen (z. B. MT-LB) heran.

In den Fahrzeugen wurden jeweils bis zu mehrere hundert Kilogramm unterschiedliche Sprengmittel und Sprengstoff geladen. Jede Detonation brachte daher einen verheerenden Zerstörungsradius mit sich - weit über die effektive Reichweite von schultergestützten Panzerabwehrwaffen (z. B. der im Raum weit verbreiteten RPG-7, RPG-28 oder RPG-29) hinausgehend. Als einzige effektive Antwort stellten sich weitreichende Panzerabwehrlenkwaffen (z. B. vom Typ BGM-71 TOW), tiefe Panzergräben, provisorische (z. B. aus zivilen Fahrzeugen) mehrfach gestaffelt errichtete Sperren oder - als letzte Möglichkeit -die Flucht vor dem Angreifer heraus. 

Bis heute hat der IS den Einsatz seiner SVBIED weiter verfeinert. Beim Kampf um Mossul wurden hunderte davon eingesetzt. Dabei wurden Schwachstellen in den Sicherungslinien der irakischen Streitkräfte mittels Mini-Drohnen aufgeklärt und die SVBIED gezielt an diese herangeführt. Angelegten Panzergräben begegnete der IS an günstigen Stellen mit provisorisch gepanzerten Baumaschinen. Gelang es, einen Graben stellenweise zuzuschütten, folgten geradezu „Schwärme“ von SVBIED. Einige davon sogar mit ungelenkten Raketen ausgestattet, um sich derart ausgestattet den Weg „freizuschießen“.

Schließlich brachte der IS auch die zur Aufklärung eingesetzten Drohnen selbst, mit Sprengmittel beladen, zum Einsatz - entweder durch gezielten Absturz oder durch den Abwurf von Sprengmitteln. An Fahrern und Selbstmordattentätern scheint bis heute kein Mangel zu bestehen. Es sieht so aus, als hingen diese, im Gegensatz zum westlichen Soldaten, wesentlich weniger an ihrem Dasein im Diesseits. Der Tod für Allah stellt für viele IS-Krieger offensichtlich die Erfüllung ihres größten Zieles dar. Beim Kampf um Mossul wurde vom IS schließlich dazu übergegangen, SVBIED in Garagen zu verstecken und diese erst nach dem Vorbeimarsch der irakischen Streitkräfte zu aktivieren. So gingen im Rücken der irakischen Streitkräfte wiederholt Garagentore auf und entluden ihre tödliche Fracht. Oder man zwang Zivilisten, zum „Schutz“ gegen US-Luftschläge, mitzufahren. 

Derartige Einsatztaktiken führten dazu, dass die eingesetzten irakischen Sicherheitskräfte (z. B. des Counter Terrorism Service - CTS bzw. Jihaz Mukafahat al-Irhab) beim Kampf um Mossul bis zu 50 Prozent Verluste erlitten. Mit einfachen Mitteln, gepaart mit ideologischer Gehirnwäsche (und wohl auch durch Zwang), war es dem IS gelungen, ein überaus erfolgreiches einfaches Waffensystem zu entwickeln.

Die durchschlagenden 'Präzisionswaffen' des IS - mit Sprengstoff beladene und mit provisorischer Panzerung versehene Fahzeuge, sogenannte 'Suicie Vehicle Born Improvised Explosive Devices. (Foto: Screenshot)
Die durchschlagenden 'Präzisionswaffen' des IS - mit Sprengstoff beladene und mit provisorischer Panzerung versehene Fahzeuge, sogenannte 'Suicie Vehicle Born Improvised Explosive Devices. (Foto: Screenshot)
Die Fahrzeuge werden in allen denkbaren Versionen eingesetzt. (Foto: Screenshot)
Die Fahrzeuge werden in allen denkbaren Versionen eingesetzt. (Foto: Screenshot)

Project

Effizienter und hochmobiler Einsatz geringer Kräfte 

Trotz erfolgreicher lokaler Rekrutierung, Zuwanderung tausender Kämpfer aus dem Ausland und (vor allem zu Beginn) hoher Sympathie unter der sunnitischen Bevölkerung, stand der IS von Anfang an vor der Herausforderung, die eingenommenen Gebiete zu halten und zu sichern. Das irakische Zweistromland sowie Syrien sind zwar von der Konzentration seiner Einwohner auf urbane Räume geprägt, doch um diese zu halten, benötigte er Kräfte.

Diese standen dem IS aber zu keinem Zeitpunkt in ausreichender Anzahl zur Verfügung. Die Lösung war vielerorts einfach und schrecklich zugleich. Durch die Anwendung brutalster Methoden wurde ein derartiger Terror ausgeübt, dass oftmals schon die Nennung des IS die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Dies ist in der Kriegsführung nicht neu, wie schon die hunnischen, mongolischen und schließlich osmanischen Vorstöße nach Europa zeigten. 

Den türkischen Janitscharen ritten die Sipahi, also die türkische Kavallerie, voraus. Und vor diesen wiederum verbreiteten die Akindschi (leichte Kavallerie als Voraustrupp, die im einzufallenden Gebiet brandschatzte, die Bevölkerung tötete oder als Sklaven mitzerrte; Anm.) Angst und Schrecken. Dabei gingen sie oft derart bestialisch vor, dass die einheimische Bevölkerung bereits beim bloßen Gerücht der Annäherung die Flucht ergriff. Gefangene wurden kaum gemacht. Sie hätten einer Bewachung und Verpflegung bedurft, und es handelte sich noch dazu um Ungläubige.

Diese Kategorisierung verringerte wiederum die Tötungshemmung. Verschleppt wurden vor allem die jungen Knaben (um sie zu Janitscharen auszubilden) und Frauen, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Ähnlich hatten zuvor die Hunnen und Mongolen gehandelt. Der IS kopierte diese Taktik nahezu perfekt.

Irakische, syrische oder kurdische Soldaten wurden zu Tausenden hingerichtet, einige davon mit ausgesuchter und sorgfältig dokumentierter Grausamkeit, junge Knaben zu Kampfmaschinen abgerichtet und Frauen je nach Bedarf verschleppt. Jedes Aufbegehren der (nun zunehmend auch sunnitischen) Bevölkerung wurde mit kompromissloser Grausamkeit im Keim erstickt. Menschen wurden erhängt, verbrannt, gehäutet, gesteinigt, überfahren, geköpft, erschossen, zerhackt, zu Tode geprügelt und gekreuzigt.

Hinter dieser Bestialität des IS stand jedoch vor allem das nüchterne Kalkül, mittels Terror jeden Widerstand im Keim zu ersticken. Die islamistische Ideologie lieferte dazu die notwendige Legitimität. So gelang es dem IS, mit wenigen Kräften weiträumige Gebiete zu beherrschen.

Sustain

Halten des gewonnenen Geländes bis zum Letzten 

Neben der Schwierigkeit, das gewonnene Gelände zu halten, stellte die Versorgung der eigenen Kräfte eine große Herausforderung dar. Zudem musste man in den eroberten Gebieten der Bevölkerung das Gefühl vermitteln, in einem Kalifat nach Jahren des Krieges einen wesentlichen Fortschritt erkennen zu können. Alleine die Anwendung von Terror reicht nicht aus, um eine Bevölkerung ruhig zu halten.

Der IS nützte alle in Frage kommenden Möglichkeiten, um dies zu erreichen. Von der Bevölkerung der eroberten Gebiete wurden Steuern eingehoben und danach getrachtet, so rasch wie möglich die zerstörte Infrastruktur wieder instand zu setzen. Lokale Sympathisanten wurden mit Führungsaufgaben betraut und zur Rekrutierung weiterer Kämpfer genützt. Alle Maßnahmen wurden von einer umfassenden Medienkampagne begleitet. Diese lockte aus der Ferne weitere Kämpfer in das vermeintliche Paradies.

Es entstand ein schwunghafter Handel mit Öl und diversen Raffinerieprodukten. Kolonnen hunderter voll beladener Tanklastwagen verkehrten lange Zeit über alle Grenzen hinweg - geduldet von prominenten Anrainerstaaten. Selbst Kunstschätze wurden im großen Stil verkauft. Zwischen den Gegnern der unterschiedlichen Gruppierungen wurden Waffen und Munition jeden Kalibers gehandelt. So geschah es immer wieder, dass an moderate Rebellengruppierungen aus dem Ausland gelieferte Waffensysteme beim IS landeten.

Doch der IS ging auch hier einen Schritt weiter. Er schaffte es, eine umfangreiche Waffen- und Munitionsproduktion aus dem Boden zu stampfen - inklusive genauer Fertigungs- und Produktionsvorgaben zur Erhaltung der notwendigen Qualitätsstandards. Von (wieder geladener) Infanteriemunition bis zu Raketen mittlerer Reichweite oder Sprengkörpern für Drohnen wurde alles gefertigt.

In den eroberten Gebieten wurden hingegen unverzüglich Verteidigungsmaßnahmen ergriffen. So wurden selbst in kleinen Dörfern umfangreiche unterirdische Bunkeranlagen gebaut und darin Wasser, Grundnahrungsmittel und Munitionsvorräte eingelagert. Bei der Rückeroberung durch die irakischen Streitkräfte stellten diese, oft mit Sprengfallen versehenen und kaum aus der Luft aufklärbaren Anlagen eine große Herausforderung dar. Häufig wurde stundenlang verbissen um einzelne Häuserblocks gekämpft. Zudem dienten dem IS Zivilisten als Geiseln. Dies erschwerte oder verhinderte den gezielten Einsatz von Artillerie und Luftschlägen. Jeder durch die internationalen Koalitionsstreitkräfte getötete Zivilist zeigte die Grenzen präziser Waffeneinsätze. 

Der IS hatte sich von Beginn an in den von ihm eroberten Gebieten auf einen Kampf vorbereitet. So gelingt es ihm bis heute, in bereits völlig zerstörten Städten und Dörfern auszuharren und sich auf einen finalen Kampf vorzubereiten.

Fazit

IS-Kämpfer auf den Philippinen. (Foto: Screenshot)
IS-Kämpfer auf den Philippinen. (Foto: Screenshot)

Der IS kann als Beispiel dafür angesehen werden, wie es in kurzer Zeit möglich ist, nachhaltig einen Raum zu erobern und auch militärisch (zumindest temporär) zu halten. Die Zerschlagung des IS in seinem Kerngebiet ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nur mehr eine Frage der Zeit. Doch was bleibt, ist sein Vermächtnis und der Umstand, dass tausende Sympathisanten gelernt haben, in allen Fähigkeitsbereichen moderner Streitkräfte wirksam zu werden.

Zwar besaß der IS nie eine Luftwaffe oder gar eine Marine, und selbst seine Landstreitkräfte waren strukturell niemals mit regulären Streitkräften vergleichbar, aber trotzdem gelang es ihm, einen großen Raum in Besitz zu nehmen.

Bis heute strahlt der in seinem Namen verübte Terror bis nach Europa. Selbst in Libyen, Afghanistan und auf den Philippinen werden Anschläge im Namen des IS verübt, beziehungsweise versuchen sich neue Keimzellen zu bilden. Eine Analyse seiner Gefechtstechniken und Einsatztaktiken zeigt jedoch vertraute Handlungsmuster.

Das bedeutet, dass Organisationen wie der IS in jedem Fall auch in Zukunft bekämpfbar und neutralisierbar bleiben. Wirft man allerdings einen Blick auf die Grundprinzipien des humanitären Völkerrechtes (z. B. Verhältnismäßigkeit im Einsatz der Mittel, Unterscheidungsgrundsatz oder Menschlichkeit im Kriege), so stellt man fest, dass der Preis, den die internationale Gemeinschaft für derartige Erfolge bezahlen muss, zunehmend höher wird. 

Mit dem Auftauchen von IS-Gruppierungen in Afghanistan, auf den Philippinen und in Libyen ist auch dort die Anwendung seiner Gefechtstechniken und Einsatztaktiken zu erkennen. Selbst die Anschläge in Europa zeigen die angeeigneten Fähigkeiten verdeckt operierender IS-Zellen deutlich. Mahnendes Beispiel sei hier die Neutralisation der Attentäter am 18. November 2015 in St. Dennis nach den Anschlägen von Paris.

Erst nach stundenlangen Gefechten, fünf (zum Teil erheblich) verletzten Polizeibeamten, einem getöteten Polizeihund, dem Einsatz von 3 200 Schuss Munition, der Verwendung von 40 Stück Offensiv- und zwei Stück Defensiv-Granaten sowie zwanzig Gewehrgranaten durch französische Polizeispezialkräfte des RAID (Recherche, Assistance, Intervention, Dissuasion) war es schließlich gelungen, die Attentäter auszuschalten. Ein erster bitterer Vorgeschmack auf möglicherweise Kommendes.  

Oberstleutnant dG Mag.(FH) Dr. Markus Reisner ist Hauptlehroffizier für Taktik am Institut für Höhere Militärische Führung an der Landesverteidigungsakademie.

 

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