• Veröffentlichungsdatum: 04.12.2020
  • – Letztes Update: 10.12.2020

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Massentestung Slowakei – Generalprobe für das ÖBH

Erwin Gartler

(Foto: HBF/Pusch)
(Foto: HBF/Pusch)

Was ab Freitag, dem 4. Dezember 2020, in Österreich stattfindet hat ein reales Vorbild. Die Slowakei führte am Wochenende um Allerheiligen eine international beachtete Corona-Massentestung durch. Das Bundesheer unterstützte mit mehr als 30 Personen. Die dabei gemachten Erfahrungen sind die Grundlage für den ab jetzt stattfindenden Massentest in Österreich.

Die europaweit steigende Zahl der Covid-19-Infizierten im Herbst bedingt nationale Maßnahmen, die eine grenzüberschreitende Kooperationen erfordern. Die Testung der Bevölkerung ist eine dieser Maßnahmen. Während bis jetzt nur einzelne Personengruppen getestet wurden, ist der Massentest der gesamten Bevölkerung eine neue Herangehensweise. Die Slowakei ist der erste Staat mit einer Testung in dieser Größenordnung. Die politische Entscheidung dazu fiel kurzfristig. Erste Einzelheiten wurden der Bevölkerung am 19. Oktober mitgeteilt und die Armee mit der Durchführung beauftragt. 13 Millionen Antigen-Tests wurden im Schnellverfahren ohne öffentliche Ausschreibung beschafft, was für Kritik sorgte. Bereits vier Tage nach der Ankündigung fand ein Pilottest statt.

Rund vier Millionen Slowaken, alle Einwohner zwischen zehn Jahre und 65 Jahren, sollten – wie ursprünglich geplant – mindestens zweimal auf Corona getestet werden. Ganz freiwillig war die Beteiligung nicht. Nicht nur Personen mit einem positiven Testergebnis mussten für zehn Tage in Quarantäne, sondern auch jene, die sich dem Test nicht unterzogen haben. Diese durften ihre Wohnung nur in einem Umkreis von hundert Metern verlassen, oder für Einkäufe in einem festgelegten Zeitkorridor in das nächstgelegene Geschäft. Nicht nur aus diesem Grund ist diese Massentestung umstritten. De facto stellte sie eine Verpflichtung dar. Ärztekammer und Experten kritisierten zudem den zu großen Aufwand im Vergleich zum erreichten Effekt. Bis dato blieb es bei diesem einmaligen Massentest im Oktober 2020.

Feststellen des Testergebnisses. (Foto: MZVEZSR/Tomas Bokor)
Feststellen des Testergebnisses. (Foto: MZVEZSR/Tomas Bokor)

Das Bundesheer hilft und lernt

Gute Nachbarn fragt man gerne, wenn kurzfristig Hilfe notwendig ist. So wurde in Österreich um Unterstützung angefragt. Ein Fall für das Österreichische Bundesheer (ÖBH). Basierend auf einem Beschluss der Bundesregierung zur Entsendung im Rahmen humanitärer Hilfe und Katastrophenhilfe leistete das ÖBH einen kleinen aber wichtigen Beitrag zu dieser Massentestung. Innenpolitisch war diese Assistenz in der Slowakei nicht unumstritten. Einige slowakische Politiker kritisierten, dass die slowakische Regierung die Verfassung verletzt, indem sie ausländische Soldaten trotz einer fehlenden humanitären Notlage ins Land lasse. Für Juristen ist dagegen klar: der Einsatz des Militärs aus Österreich ist als humanitäre Assistenz zu betrachten. Damit sei keine Zustimmung durch das Parlament nötig.

Somit unterstützten 33 Personen aus dem Sanitätswesen am 30. Oktober und 1. November die Massentestung in Bratislava. Die slowakische Armee setzte dafür rund 8.000 Soldaten ein, doch gab es einen Mangel an medizinisch geschultem Personal. Obwohl es sich um ein kleines Kontingent handelte, sind neben der Nachbarschaftshilfe die gewonnenen Erfahrungen von unschätzbarem Wert. Die Zusammenarbeit vor Ort war gut. Durch die Grenznähe gab es kaum Kommunikationsprobleme. Wie üblich war Englisch die Arbeitssprache, oft war auch ein direkter Austausch in Deutsch möglich.

Nach jedem Einsatz erfolgt im ÖBH eine strukturierte Nachbereitung, um aus den gewonnenen Erfahrungen Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Das diese Zukunft nur wenige Wochen danach beginnt, war für alle eine Überraschung. Die Erkenntnisse sind zweigeteilt: Einerseits betraf es interne organisatorische Abläufe, die durch die kurzfristige Umsetzung stark gefordert waren. Andererseits betrifft der Erkenntnisgewinn die Testung selbst, der die Grundlage für die aktuelle Massentestung in Österreich darstellt.

Die Basis des Einsatzes war die Benedek-Kaserne am Truppenübungsplatz Bruckneudorf und der Einsatzort Bratislava. Durch die geringe Entfernung konnte sich die Logistik auf die eigene Infrastruktur abstützen. Die kurzfristig festgelegte Entsendung und der enge Zeitplan zur Vorbereitung verursachten für das Kontingent einen hohen Zeitdruck. Am Freitag fand die Erkundung in Bratislava und gleichzeitig die Formierung in der Benedek-Kaserne in Bruckneudorf statt. Es erfolgte mit einem Stück Antigentest die Einweisung in die Testmethode. Das ist ein besonders heikler Schritt. Wenn hier falsch gearbeitet wird ist der Test ungenau oder gar unbrauchbar.

Ohne korrekte Testung ist kein aussagekräftiges Ergebnis zu erwarten. (Foto: ÖBH/Streit)
Ohne korrekte Testung ist kein aussagekräftiges Ergebnis zu erwarten. (Foto: ÖBH/Streit)
Die Registrierung erfolgte mit Papierformular vor Ort, was zu einer zusätzlichen Verzögerung führte. (Foto: MZVEZSR/Tomas Bokor)
Die Registrierung erfolgte mit Papierformular vor Ort, was zu einer zusätzlichen Verzögerung führte. (Foto: MZVEZSR/Tomas Bokor)

Die Testung in Bratislava

Am nächsten Tag begann bereits der Einsatz. Die Testinfrastruktur wurde durch die Slowakei aufgebaut und organisiert. Insgesamt betreute das ÖBH zwölf Teststraßen. An beiden Tagen waren je 13 Stunden Testung geplant, die Pausen nicht eingerechnet. Real begann der Tag vor Ort um 0700 Uhr und endete um 1930 Uhr. Die An- und Abreise kam noch dazu.

3,6 Millionen Menschen nahmen in der ersten Runde um Allerheiligen teil, ein Großteil davon lebt im Ballungsraum Bratislava. Davon wurden 38.000 positiv getestet. Eine der größten Herausforderungen aus Sicht der Testperson ist ein rascher und reibungsloser Ablauf unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen. Niemand möchte lange warten, besonders wenn es kalt ist. Am ersten Testtag wurde während der Pausen die Testung komplett unterbrochen. Am Sonntag waren die Slowaken man schon flexibler: es wurde durchgearbeitet und das Personal individuell gewechselt.

In der Slowakei wurde erst vor Ort eine Registrierung auf Papier-Formularen durchgeführt. Das verursacht nicht nur längere Bearbeitungszeit vor Ort – rund zwei Minuten pro Person – sondern einen zusätzlichen Personalbedarf, der dringender beim Testablauf notwendig gewesen wäre. Pro Stunde und Teststraße konnten 25 Personen getestet werden. In der Wartezone mussten die Probanden 15 Minuten auf die Auswertung warten. Die Größe dieser Zone schränkte zusätzlich ein, da diese oft zu klein war. Mit Abstand vor der Testung anstellen, um sich danach in der Wartezone „zusammenkuscheln“ ist nicht sehr sinnvoll. Der Ablauf bei den Teststraßen war statisch angelegt. Während in den Stoßzeiten alle Teststraßen im Dauerbetrieb arbeiteten, waren danach nur einige ausgelastet. Ein flexibles Wechselsystem gab es nicht und Reserven daher nicht vorhanden.

Dieser Ablauf verursachte nicht nur stundenlange Wartezeiten an einzelnen Teststationen, es wurde teilweise zwischen den Teststationen gependelt, was unnötige Verkehrsbewegungen und Verwirrungen verursachte. Österreich hat daraus gelernt und eine elektronische Vorregistrierung eingeführt. Als Alternative ist eine telefonische Anmeldung geplant.

Ohne eine nachvollziehbare Dokumentation ist keine korrekte Zuordnung der einzelnen Testung möglich. (Foto: Tomas Bokor - MZVEZSR)
Ohne eine nachvollziehbare Dokumentation ist keine korrekte Zuordnung der einzelnen Testung möglich. (Foto: Tomas Bokor - MZVEZSR)

Umsetzung in Österreich

In Österreich fiel die Entscheidung für die Massentestung am 15. November 2020 in der Pressestunde durch Bundeskanzler Kurz. Als Vorbild erwähnte er die Slowakei. Details wurden nicht verkündet, da es noch keine gab. In den Tagen darauf begannen quer durch die betroffenen Organisationen und den Bundesländern die Planungsarbeiten. In der Slowakei wurden die Massentests vom Militär organisiert und durchgeführt. In Österreich unterstützt das ÖBH die Länder bei der Durchführung, und hat neben der direkten Testung in den Teststraßen und in der Logistik eine Schlüsselrolle. So wird die Lieferung der Schutzausrüstungen und Teile der Testkits für das gesamte Bundesgebiet sowie wie ein Teil der EDV durch das ÖBH organisiert.

Nach anfänglichen Koordinierungsproblemen und unterschiedlichen Ansätzen legten die jeweiligen Bundesländer unterschiedliche Zeitraum und Anforderungen für die Assistenz des Bundesheeres fest. Das ÖBH unterstützt seit Anfang Dezember mit rund 5.400 Soldaten und Zivilbediensteten den Corona-Massentest. Allein in Wien werden 2.000 Personen benötigt. Um die teilweise langen Wartzeiten wie in der Slowakei zu verhindern, sind neben einer Vorregistrierung (nicht in allen Bundesländern; Anm.) drei Teststraßen mit rund 300 Testlinien vorhanden. Falls der Antigentest positiv ist, wird in manchen Bundesländern, wie in Wien und Oberösterreich, der zweite wesentlich genauere PCR-Test direkt vor Ort abgenommen. Der Antigentest ist nur eine Momentaufnahme. Daher wird eine Teilnahme bei einem zweiten Durchgang dringend empfohlen, der für Anfang Jänner geplant ist.

Mit Redaktionsschluss beginnt in Österreich der flächendeckende Massentest. Aufbauend auf den Erfahrungen in der Slowakei, abgestützt auf die Logistik und der Organisations- und der Führungserfahrung des ÖBH und in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Organisationen ist eine Massentestung in dieser Größenordnung nicht nur für Österreich eine Premiere. Unabhängig vom Ergebnis ist klar: viele Einschränken werden bleiben, aber Weihnachten wird trotzdem stattfinden.

Erklärvideo zur COVID19-Probenahme

Oberst Mag. Erwin Gartler, MSc MBA MPA ist Leitender Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Durch die Sicherheitsabstände und die Registrierung mit Papierformular gab es in der Slowakei oft lange Menschenschlangen. (Foto: MZVEZSR/Tomas Bokor)
Durch die Sicherheitsabstände und die Registrierung mit Papierformular gab es in der Slowakei oft lange Menschenschlangen. (Foto: MZVEZSR/Tomas Bokor)
 

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