• Veröffentlichungsdatum: 17.10.2018

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Kontamination und Dekontamination

Michael Eichhübl

Chemie-Unfall. (Foto: Bundesheer/Riedlsperger)
(Foto: Bundesheer/Riedlsperger)

Kontaminiert zu sein ist nicht immer gleichzusetzen mit lebensbedrohlich, und dekontaminiert muss nicht sauber heißen. Die Bandbreite der Begriffe, was, wann, wie und wo zutrifft, beurteilt die ABC-Abwehr. Um selbst für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein, werden hier die wesentlichen Grundlagen aufgezeigt.

Kontamination

Als Kontamination wird der bleibende Kontakt eines Stoffes an einer Person oder einem Gegenstand bezeichnet. Dabei wird die Kontamination mit radioaktiven Stoffen als Verstrahlung (A-Fall), mit biologischen Stoffen als Verseuchung (B-Fall) und mit chemischen Stoffen als Vergiftung (C-Fall) bezeichnet.

Die Dauer einer Kontamination ist vom verursachenden Stoff und von Umwelteinflüssen wie Abklingverhalten, Zersetzung, Sonneneinstrahlung, Wind, Niederschläge, Temperatur oder UV-Licht abhängig. Im Falle einer Verstrahlung kann die Kontamination bei Stoffen mit langen Halbwertszeiten langfristig anhalten, während etwa bei chemischen Kampf- und Gefahrstoffen die Kontaminationsdauer zwischen Sekunden und Tagen liegen kann.

Um weitere Schäden und eine Kontaminationsverschleppung zu vermeiden, ist schnellstmöglich eine Dekontamination durchzuführen. Als Grundsatz gilt:

„Je schneller eine Dekontamination durchgeführt wird, desto geringer werden die schädigenden Auswirkungen an Personen und Geräten sein.“

Begrenzt dekontaminierbar

Als Dekontamination (Deko) wird die Beseitigung oder auch die Verringerung einer Kontamination bezeichnet. Abhängig von der Art der Kontamination wird die Deko als

  • Entstrahlung,
  • Entseuchung oder
  • Entgiftung bezeichnet.

Eine vollständige Beseitigung der Kontamination ist kaum oder nur im Idealfall möglich. Mit einer Restkontamination muss hier gerechnet werden.

Bei einigen kontaminierenden Gefahrstoffen ist die Deko nur ausschließlich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zielführend. Die Haut ist ein Beispiel für eine sensible Oberfläche, in die chemische Stoffe wie Hautkampfstoffe leicht eindringen und durch äußere Deko-Verfahren kaum wieder zu entfernen sind. Eine Deko durchzuführen, nachdem der schädigende Stoff in die Haut eingedrungen ist, könnte im schlimmsten Fall eine zusätzliche Gefährdung darstellen. Ein anderes Beispiel sind handelsübliche Lacke oder Kunststoffgegenstände, die der Diffusion (Durchmischung, Durchdringbarkeit) von vielen Chemikalien keinen Widerstand entgegensetzen und daher nicht dekontaminierbar sind. In einem derartigen Fall gibt es einen Deko-Erfolg, wenn die Menge des Schadstoffes ausreichend minimiert wird. In anderen Fällen ist eine Entfernung durchaus erreichbar, z. B. bei speziell hergestellten Schutzkleidungen oder Metalloberflächen.

Ein Kanal wird abgedichtet, um ein Verbreiten des Kontaminats zu verhindern. (Foto: Bundesheer/Riedlsperger)
Ein Kanal wird abgedichtet, um ein Verbreiten des Kontaminats zu verhindern. (Foto: Bundesheer/Riedlsperger)

Grenzwerte

Bei jeder Deko stellt sich die Frage „How clean is clean?“ Diese Frage kann nicht bei allen Kontaminationsarten eindeutig beantwortet werden.

Bei radioaktiver Kontamination kann der Deko-Erfolg relativ gut nachgewiesen werden, da es gesetzliche Grenzwerte gibt (z. B. im Strahlenschutzgesetz) und diese mit den vorhandenen Messgeräten festgestellt werden können.

Im biologischen und chemischen Fall sind oftmals keine definitiven Grenzwerte vorgegeben. Die Messung einer Restkontamination und Beurteilung der durch diese verursachte Gefährdung gestaltet sich schwieriger, da z. B. chemische Gefahrstoffe in Oberflächen eindringen und mit Gasmessgeräten nicht mehr gemessen werden können. In diesen Fällen sind weitere Mess- und Nachweisverfahren wie die Durchführung von Wischproben und deren Auswertungen in einem Labor bei biologischen Gefahrstoffen heranzuziehen. Eine genauere Einschätzung der Gefährdung durch eine Restkontamination ist mit einem hohen Zeitaufwand verbunden.

Ziel jeder Deko ist es, die Konzentration oder die Menge des kontaminierenden Stoffes (Kontaminant) soweit zu verringern, dass ein gesundheitliches Risiko, z. B. eine Inkorporation (unbeabsichtigte Aufnahme in den Körper) der Stoffe durch Personen, ausgeschlossen und die Gefahr einer Kontaminationsverschleppung beseitigt ist. In allen Fällen muss eine hierfür befugte Person nachweislich darüber entscheiden, ob eine weitere Gefährdung für die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden kann (Entlassung von Personen aus dem Deko-Bereich oder Nutzung von Infrastruktur, Gerät etc. nach einer Deko).

Dekontaminationsverfahren und Dekontaminationsmittel. (Tabelle: Eichhübl)
Dekontaminationsverfahren und Dekontaminationsmittel.
(Tabelle: Eichhübl)

Formen der Deko

Die ABC-Abwehrtruppe nutzt regelmäßig den tschechischen Militärübungsplatz Vyškov um mit Kampfstoffen zu trainieren. (Foto: Bundesheer/Pusch)
Die ABC-Abwehrtruppe nutzt regelmäßig den tschechischen Militärübungsplatz Vyškov um mit Kampfstoffen zu trainieren. (Foto: Bundesheer/Pusch)

Die Form der Deko hat Einfluss auf die Dauer, den Umfang und die Effizienz. Zu den Deko-Formen zählen:

  • Natürliche Deko: Radioaktiver Zerfall, Verdünnung durch Wind und Niederschläge, Sonne und UV-Licht, Zersetzung durch Wasser etc.;
  • physikalische Deko: Mechanische Reinigung (Abklopfen, Abbürsten, Absaugen), thermische Verfahren (Hitze), ionisierende Strahlung (Keimtötung mit radioaktiven Quellen);
  • chemische Deko: Aufbringen von Reaktionschemikalien;
  • biochemische Deko: Anwendung von Enzymen (Proteine, die eine chemische Reaktion katalysieren/beschleunigen können).

Ist die/der zu dekontaminierende Person/Gegenstand beweglich, kann die Deko an einem Deko-Platz stattfinden. Die Deko kann dann provisorisch mit einfachen Mitteln oder mit spezieller Ausrüstung professionell durchgeführt werden. Beiden gemeinsam ist aber die Organisation eines entsprechenden Ortes, wo ein Bereich als verunreinigte und einer als reine Zone festgelegt sind.

Je nach Ort der Kontamination kann eine Teil-Deko (z. B. nur Hände, Bedienarmaturen) zielführender sein als eine Voll-Deko. Für die Durchführung der Deko werden je nach Kontamination verschiedene Deko-Mittel verwendet, z. B. Peressigsäuren, chlorbasierte Deko-Mittel etc. Diese Mittel wandeln die kontaminationsverursachenden Stoffe in ungefährliche Komponenten um oder binden diese für eine leichtere Entfernung von der Oberfläche.

Radioaktive Nuklide werden beispielsweise durch ein Deko-Mittel gebunden und danach von der jeweiligen Oberfläche beseitigt. Dies erfordert in weiterer Folge die kontrollierte Entsorgung der Abwässer, da die Nuklide ihre schädigende Wirkung beibehalten. Im Gegensatz dazu werden biologische Erreger und chemische Stoffe zumeist durch das Deko-Mittel zerstört. Die Entsorgung von Abwässern muss unter Berücksichtigung der entsprechenden Umweltschutzbestimmungen erfolgen.

Für die Einsatzkräfte bedeutet dies die Notwendigkeit einer vorbereitenden Lagerung von verschiedenen Materialien und Chemikalien zur Deko. Militärische Deko-Mittel werden üblicherweise in dafür vorgesehenen Chemielagern vorgehalten. Werden für die Deko große Mengen an Chemikalien benötigt, ist es sinnvoll, „bewegliche Versorgungspakete“ mit Chemikalien zu bilden, um die rasche Verfügbarkeit und die Folgeversorgung am Einsatzort sicherstellen zu können. Häufig wird Wasser oder Seifenlauge als Deko-Mittel verwendet. Diese Mittel sind für viele Stoffe geeignet, stellen für Patienten keine zusätzliche Belastung dar, sind preiswert und nahezu überall verfügbar, wirken aber nicht in jedem Fall ausreichend dekontaminierend.

Organisation der Deko

Für Deko-Kräfte ist die Aufschlüsselung des Einsatzraumes wichtig, um die vorhandenen Elemente, Personen, Fahrzeuge und Gefährdungen zu kennen. Mit diesen Informationen wird die Anzahl der notwendigen Deko-Plätze festgelegt. Diese werden vorab erkundet, um im Anlassfall eine rasche Inbetriebnahme der Deko-Plätze sicherstellen zu können. Die Erkundung umfasst die

  • Festlegung der Sammelplätze von kontaminierten Personen und Gegenständen für die innere Strukturierung der Deko-Plätze,
  • Sammelräume der dekontaminierten Personen und Gegenstände,
  • Wasserversorgung,
  • Abwasserentsorgung,
  • Nutzen der vorhandenen Infrastruktur (z. B. Abwassersammelbecken etc.), - Möglichkeiten zur Tarnung und Sicherung,
  • den Abstand zu besiedelten Gebieten sowie
  • die Berücksichtigung der Einsatzplanung der übergeordneten Ebenen.

Militärische Deko-Plätze können grundsätzlich autark errichtet werden. Eine Nutzung der vorhandenen Infrastruktur wird aber immer angestrebt, um die Deko bestmöglich durchführen zu können.

ABC-Planungen

Das Feststellen der Grenzen eines kontaminierten Geländes ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Deko-Tätigkeit. Diese kann entweder durch ABC-Aufklärungskräfte oder durch eigene Kräfte erfolgen. Mit der Auswertung der Aufklärungsdaten kann das Lagebild erstellt werden.

Die Annäherung der Deko-Elemente erfolgt mit der Windrichtung zum vorgesehenen Deko-Platz. Durch die Einsatzleitung ist eine Deko-Priorität festzulegen. Grundsätzlich haben Personen Vorrang vor Tieren und Sachgut. Die Einsatzleitung beurteilt die Anzahl der benötigten Deko-Plätze und kann, je nach Deko-Bedarf, mehrere unterschiedliche Deko-Plätze (z. B. für Personen, Fahrzeuge, Gerät) gleichzeitig einsetzen. Am bereits vorerkundeten Ort wird der Deko-Platz je nach Anlassfall (A-, B- oder C-Fall) errichtet.

Ein ABC-Soldat entnimmt eine Probe unter Einsatzbedingungen bei einem „Live Agent Training“ in Kanada. (Foto: Bundesheer/G. Bauer)
Ein ABC-Soldat entnimmt eine Probe unter Einsatzbedingungen bei einem „Live Agent Training“ in Kanada. (Foto: Bundesheer/G. Bauer)

Dabei beurteilt die Einsatzleitung die Einsatzdauer ihrer Deko-Kräfte aufgrund des Wetters, der Temperatur und des Auftrages. Bei jeder Art der Deko ist der ABC-Selbstschutz notwendig, um eine Gefährdung der dekontaminierenden Personen sowie weitere Kontaminationen der Umwelt zu verhindern. Sollte der Deko-Prozess länger dauern, sind die Einsatzdauer des Deko-Personals (unter ABC-Schutz) und dessen Gefährdung durch die Gefahrenstoffexposition zu beurteilen, um rechtzeitig einen Austausch des Deko-Personals vornehmen zu können. Dadurch kann der Deko-Vorgang für einen längeren Zeitraum gewährleistet werden.

Militärische Deko-Elemente sollten geschlossen eingesetzt werden, wenn es die Lage zulässt. Dies erlaubt einen Wechsel des Deko-Personals und verringert durch den höheren Durchsatz an Personal und Gerät die Deko-Zeit.

Weiters muss die Einsatzleitung sicherstellen, dass die eingesetzten oder betroffenen Personen und Sachen das kontaminierte Gebiet nur über errichtete Deko-Plätze und/oder „Contamination Control Points“ verlassen. Diese dienen vor allem zur Vermeidung einer Kontaminationsverschleppung.

Urbane Gebiete

Spezielle Erfordernisse ergeben sich bei Kontaminationen im urbanen Gebiet. Ist das Errichten und Betreiben einer mobilen Deko-Einrichtung notwendig, sind folgende Gegebenheiten zu berücksichtigen: 

  • Zugangs- und Zufahrtswege für Personen und Fahrzeuge etc.;
  • Zeit- und Raumbedarf zur Errichtung und zum Betrieb der Deko-Einrichtung;
  • Bedarf an Absperrungen und Einweisern;
  • urbane Infrastruktur (Keller, unterirdische Anlagen, mehrstöckige Gebäude etc.);
  • meteorologische Verhältnisse (Wind);
  • Anzahl der zu dekontaminierenden Personen;
  • Sicherstellen der Versorgung mit Betriebsmitteln (Wasser, Chemie) und Entsorgung von Abwässern;
  • Zusammenarbeit mit anderen Einsatzorganisationen (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste).

Durch Planung und Vorbereitung der Deko-Plätze und -elemente kann schneller und vorausschauender gehandelt werden.

Deko-Stufen

Zur Einordnung der Effizienz (Art und Umfang) von Deko-Maßnahmen gibt es im zivilen wie auch im militärischen Bereich Deko-Stufen. Im Österreichischen Bundesheer werden die Stufen Individual-Deko, Teil-Deko, Voll-Deko und End-Deko unterschieden.

Individualdekontamination

Im englischen „Individual Decontamination“ genannt, sind erste Maßnahmen zur Verringerung der Kontamination mit behelfsmäßigen Mitteln (z. B. Zweigen, Bürsten, Abschütteln etc.) und/oder mit Ausrüstungsgegenständen, die dem Soldaten individuell zugeordnet sind (Hautentgiftungspulver wie Reactive Skin Decontamination Lotion/RSDL etc.). Diese Stufe hat in der Ausbildung eine besondere Bedeutung. Je besser der Soldat seine persönlichen ABC-Schutzmaßnahmen anwenden kann, desto höher ist seine Einsatzbereitschaft im kontaminierten Gebiet und die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalles sinkt dadurch rapide. Diese Stufe beginnt bereits beim Anpassen der ABC-Schutzmaske, beim richtigen Anziehen des ABC-Schutzanzuges, beim rechtzeitigen Erkennen einer Kontamination und beim selbstständigen Durchführen von Deko-Maßnahmen. Je besser diese Schritte umgesetzt werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Kontamination des Soldaten und seiner Ausrüstung. Demzufolge werden auch die Gefahren der Kontaminationsverschleppung minimiert und alle weiteren notwendigen Deko-Schritte unterstützt. Nach der Individual-Deko müssen die ABC-Individualschutzmaßnahmen weiterhin aufrechterhalten werden, bis diese durch das ABC-Fachpersonal aufgehoben werden.

Teildekontamination

Im Englischen „Operational Decontamination“ genannt, wird die Herabsetzung der Kontamination bei Personen, einsatzwichtigen Waffen und Geräten innerhalb und außerhalb von kontaminiertem Gebiet und Geländeteilen bezeichnet. Dies wird vorwiegend mit behelfsmäßigen Mitteln und/oder Deko-Systemen erreicht. Ziel der Teil-Deko ist die Herabsetzung der Kontamination, um den Auftrag in einem gefährdeten Bereich fortführen zu können bzw. eine Kontaminationsverschleppung zu verhindern. Die ABC-Individualschutz- und Kollektivschutzmaßnahmen müssen weiterhin aufrechterhalten werden bis eine Voll-Deko erfolgt ist.

Teildekontamination eines Schützenpanzers „Ulan“. (Foto: Hämmerle)
Teildekontamination eines Schützenpanzers „Ulan“. (Foto: Hämmerle)

Volldekontamination

Im Englischen „Thorough Decontamination“ genannt, bedeutet, dass eine Kontamination bei Personen, einsatzwichtigen Waffen und Geräten und Geländeteilen soweit verringert oder beseitigt wird, dass eine Aufhebung oder Verringerung der ABC-Schutzmaßnahmen erfolgen kann. Dies erfordert eine erneute Messung der Kontamination. Diesbezügliche Grenzwerte existieren im Bereich der Deko von radioaktiven Stoffen. Im chemischen Bereich gibt es vor allem bei der Waffen- und Gerätedekontamination die Herausforderung beim Messen von Stoffresten in den Lackierungen. Dem kann durch kurze Reaktionszeiten (Zeit zwischen Kontamination und Beginn der Deko) entgegengewirkt werden. Mit den derzeitigen Deko-Verfahren werden hohe Deko-Erfolge erzielt. Diese sollten aber durch Wischproben an exponierten Stellen und durch deren anschließende Auswertung bestätigt werden. Im biologischen Bereich kann der Deko-Erfolg nur durch Proben ermittelt werden. Die Auswertung der Proben erfordert aber einen höheren Zeitaufwand, wodurch sich die Freigabe der dekontaminierten Gegenstände verzögert.

Enddekontamination

Im Englischen „Clearance Decontamination“ genannt, ist die Herabsetzung der Kontamination von Personen, Waffen und Gerät, die eine uneingeschränkte Wartung und Verwendung des Gerätes, den uneingeschränkten Transport und die Entsorgung ermöglicht. Um diesen Zustand zu erreichen, ist ein hoher Zeitaufwand für die Deko zu veranschlagen. Der Deko-Erfolg muss durch Proben bestätigt werden. Erst dann kann der Deko-Erfolg durch eine technisch befähigte und rechtlich befugte Stelle freigegeben werden. Im Anlassfall muss die zuständige Person rechtzeitig beigezogen werden, um den Deko-Prozess (Verfahren, Mittel, Kontaminationsüberwachung) anpassen zu können. Dieser Prozess muss ebenfalls ausreichend dokumentiert werden.

Enddekontamination eines Puch G 290/LP „Sandviper“. (Foto: E. Richter)
Enddekontamination eines Puch G 290/LP „Sandviper“. (Foto: E. Richter)

Deko-Arten

Im Österreichischen Bundesheer werden die folgenden Deko-Arten unterschieden: Deko von Personen, Kleingeräte-Deko, Waffen- und Geräte-Deko, Sanitäts-Deko, Deko von Infrastruktur und Geländeteilen und Deko von Tieren.

Deko von Personen

Der Personen-Deko-Platz erlaubt die Deko von Personen und gehfähigen Verletzten inklusive deren Ausrüstung. Er wird mit festgelegten Stationen errichtet und betrieben. Die Größe und Lage kann an die Umfeldbedingungen angepasst werden. Grundsätzlich wird bereits durch die schrittweise Abnahme der ABC-Schutzbekleidung und Ausrüstung ein Großteil der Kontamination beseitigt. Hier zeigt sich abermals die Bedeutung einer gründlichen Individual-Deko. Wurde diese ordnungsgemäß durchgeführt, wird auch keine Kontamination unter der ABC-Schutzbekleidung vorhanden sein. Andererseits muss mit einer Kontamination der Haut bzw. Bekleidung, z. B. aufgrund von Beschädigungen des Schutzanzuges oder Kontamination während des Entkleidungsvorganges, gerechnet werden.

Daher wird die Bekleidung unter der ABC-Schutzbekleidung abgegeben und eine eventuell vorhandene direkte Kontamination der Haut durch das Duschverfahren beseitigt. Der Deko-Erfolg kann nur im radioaktiven Bereich vor Ort gemessen werden. Im chemischen und biologischen Bereich sind darauffolgende medizinische Maßnahmen notwendig, um Schädigungen bzw. Erkrankungen zu erkennen. Ein wesentlicher Bestandteil der Personen-Deko ist die Personendusche, die zum reinigenden Effekt auch eine positive psychologische Wirkung entfaltet. Am Personen-Deko-Platz können nur erweiterte Erste-Hilfe-Maßnahmen durchgeführt werden. Die weitere Beobachtung und Behandlung muss veranlasst werden.

Kleingerätedekontamination

Im Zuge der Kleingeräte-Deko am Deko-Platz können auch sensible Geräte (z. B. elektronische Geräte) dekontaminiert werden. Die Kleingeräte-Deko wird grundsätzlich erst nach der Deko von Personen durchgeführt.

Waffen- und Geräte-Deko

Auf diesen Plätzen kann die Deko von größeren Waffen und Ausrüstungsgegenständen, Kampfpanzern, zivilen Fahrzeugen, Luftfahrzeugen etc. durchgeführt werden. Beim Durchlauf mehrerer Stationen (z. B. Vorreinigung, Hauptreinigung, Fahrzeuginnenraum-Deko) wird die Kontamination verringert bzw. beseitigt.

Die räumliche Ausdehnung des Deko-Platzes hängt von der Art und Anzahl der zu dekontaminierenden Fahrzeuge ab. Auf die Vermeidung der Kontaminationsverschleppung ist größter Wert zu legen, um die Deko über den gesamten Zeitraum ordnungsgemäß ausführen zu können. Die Deko-Abwässer sind zur Vermeidung von Umweltschäden aufzufangen und einer Entsorgung zuzuführen. Eine Anlehnung an eine bereits bestehende Infrastruktur (z. B. Waschplätze) ist daher ein Vorteil.

Eine besondere Herausforderung stellt die Deko der Fahrzeuginnenräume dar, da hier nicht mit Hochdruckmodulen gearbeitet werden kann. Dabei ist mit einem stark erhöhten Zeitaufwand und einem verminderten Durchsatz zu rechnen. Demzufolge ist abermals der Individual-Deko eine große Bedeutung beizumessen, da bei richtigem Verhalten die Kontamination der Fahrzeuginnenräume vermieden werden kann. Für die Einsatzleitungen ergeben sich bei den Deko-Arten folgende Herausforderungen:

  • Geordneter Transport von Personen und Gerät zum Deko-Platz;
  • bereitstellen von Ersatzbekleidung und -ausrüstung sowie Verpflegung;
  • bereitstellen medizinischer Kapazitäten;
  • geordneter Abtransport von Personen bzw. Bereitstellen von Infrastruktur, vor allem im Winter, bis zum Abtransport;
  • geschlechterspezifische Trennung während der Deko;
  • Abtransport und Entsorgung des Abwassers und der Abfälle;
  • festlegen von Spezialpersonal und Laboreinrichtungen;
  • festlegen der Deko-Prioritäten einschließlich allfälliger Grenzwerte samt deren Überprüfung;
  • bereitstellen der Deko-Chemikalien und anderer Betriebsmittel;
  • Wartung bzw. Instandsetzung bzw. Ersatz von Deko-Gerät;
  • regelmäßiger Wechsel des Deko-Personals.
Waffen-Dekontamination von Sturmgewehren 77. (Foto: Bundesheer/Pickl)
Waffen-Dekontamination von Sturmgewehren 77. (Foto: Bundesheer/Pickl)

Sanitätsdekontamination

Ein Feldarzt sichtet die Patienten und reiht sie nach Behandlungspriorität. Danach werden die Verletzten durch die Sanitätstruppe dekontaminiert. (Foto: Bundesheer)
Ein Feldarzt sichtet die Patienten und reiht sie nach Behandlungspriorität. Danach werden die Verletzten durch die Sanitätstruppe dekontaminiert. (Foto: Bundesheer)

Dies ist die Deko von nicht gehfähigen Verwundeten oder Verletzten inklusive einer Triage (Prioritätenreihung der medizinischen Hilfe) mit präventiven medizinischen Behandlungen zur Stabilisierung des Kreislaufes und zur Schmerzmedikation als Vorbereitung zum Deko-Prozess. Grundsätzlich erfolgen die Errichtung und der Betrieb des Sanitäts-Deko-Platzes vor größeren medizinischen Einrichtungen (z. B. zivile Krankenhäuser, militärische Sanitätseinreichtungen der Role2, Role3), um auch die weitere medizinische Behandlung der Personen sicherstellen zu können.

Deko von Infrastruktur und Geländeteilen

Ziel dieser Deko ist das Nutzbarmachen von Infrastruktur (z. B. Gehwegen, Verkehrsflächen, Räumlichkeiten), die Herabsetzung der Kontamination und die Vermeidung einer Kontaminationsverschleppung. Zu berücksichtigen ist, dass nach dem Ende der Deko von Infrastruktur als auch nach der Gelände-Deko, eine Waffen- und Gerätedekontamination des eingesetzten Gerätes und der Fahrzeuge stattfinden muss.

Deko von Tieren

Die Deko von Tieren ist grundsätzlich nur in Zusammenarbeit mit dem Veterinärmedizinischen Dienst möglich. Grund dafür ist das Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Tiere einerseits und andererseits in der notwendigen Sedierung (medikamentöse Ruhigstellung) der Tiere für den Deko-Prozess. In einigen Fällen wird keine Deko der Tiere möglich und daher eine fachliche Unterstützung beim Einschläfern der Tiere notwendig sein. Unter die Deko von Tieren kann ebenfalls die Entseuchung und Entwesung fallen, wie in Gebieten mit Maul- und Klauenseuche. Die Veterinäre verhindern dadurch eine Kontaminationsverschleppung von verseuchten Tieren, um gesunde Tierbestände zu schützen. Danach werden Transportfahrzeuge der Tierkörperverwertung, Einsatzfahrzeuge etc. beim Verlassen des abgesperrten Bereiches dekontaminiert.

Die Dekontamination von Infrastruktur und Geländeteilen wirkt optisch wie die Arbeit einer Straßenmeisterei, jedoch ist sie durch die Gefahr des kontaminierten Geländes und der eingesetzten Sprühmittel nicht vergleichbar. (Foto: Hämmerle)
Die Dekontamination von Infrastruktur und Geländeteilen wirkt optisch wie die Arbeit einer Straßenmeisterei, jedoch ist sie durch die Gefahr des kontaminierten Geländes und der eingesetzten Sprühmittel nicht vergleichbar. (Foto: Hämmerle)

Deko von Personen im Fall einer großräumigen radioaktiven Kontamination

Diese Art der Deko findet keine Auflistung in den Deko-Arten des ÖBH, da sie eine erweiterte Form der Personen-Deko ist. Die Durchführung dieser Art der Deko kann natürlich durch militärische Kräfte bewerkstelligt werden. Der Aufbau und der Ablauf dieser Deko ist mit der ÖNORM S 2604 geregelt. Die Deko kann in bereits vorbereiteten Räumlichkeiten (z. B. MA15/Stadt Wien) oder in zu installierenden Räumlichkeiten stattfinden. Jedenfalls ist eine Erkundung (z. B. in Grenzbezirken durch das ÖBH als Assistenzleistung) im Vorfeld notwendig, um im Anlassfall die entsprechenden Maßnahmen rechtzeitig einleiten und die richtigen Ressourcen bereitstellen zu können.

Eigendekontamination

Nach der Deko ist mit der Kontamination von Geländeteilen im Bereich der Deko-Plätze zu rechnen. Lässt sich diese nicht beseitigen, ist das kontaminierte Gelände zumindest zu markieren und gegebenenfalls zu überwachen. Die eingesetzten Deko-Elemente haben sich einer Eigen-Deko zu unterziehen, um eine Eigengefährdung auszuschließen und um eine Kontaminationsverschleppung zu verhindern. Eine Freimessung des eingesetzten Gerätes ist dringend notwendig, um es für die nächsten Einsätze wieder verwenden zu können.

Mit dem Abschluss des Deko-Prozesses erfolgt die Entsorgung der Abwässer. Das Deko-Personal und das eingesetzte Gerät sind nach Abschluss der Deko-Arbeiten ebenfalls zu dekontaminieren. Nicht-dekontaminierbare Gegenstände (z. B. ABC-Schutzhandschuhe, Abfall) müssen so verpackt werden, dass von diesen keine Kontaminationsgefahr mehr ausgeht, sie müssen danach gekennzeichnet und einer sachgemäßen Vernichtung zugeführt werden. Dies geschieht über berechtigte und spezialisierte Entsorgungsfirmen.

Des Weiteren müssen die Einsatzelemente wieder in die Einsatzbereitschaft versetzt werden, um im nächsten Anlassfall wieder rechtzeitig bereitzustehen. Der Vorbereitung und Nachbereitung der Deko muss ein großer Stellenwert eingeräumt werden. Die Eigen-Deko, die erneute Bereitstellung der Deko-Chemikalien, die Wartung der Deko-Module, die Ermöglichung von Ruhephasen des Deko-Personals nach dem Deko-Prozess usw. sind notwendige Maßnahmen, die auch in zeitlicher Hinsicht von der Einsatzleitung berücksichtigt werden müssen.

Die wesentlichen Aufgaben der Einsatzleitung sind die

  • Anordnung der Rahmenbedingungen: Deko-Ort, Zeitpunkt der Durchführung, Absperrung und Sicherung des Deko-Platzes, Regelung des Zu- und Abganges,
  • Vorgabe der Prioritätenreihung aufgrund der durch die Deko zu erreichenden Kontaminationswerte einschließlich der dazu anzuwendenden Messmethoden sind durch die Einsatzleitung den Deko-Kräften vorzugeben,
  • Klärung der mit der Deko verbundenen rechtlichen Belange (Zuständigkeiten für die Freigabe dekontaminierter Personen und Sachwerte, Haftung für allfällige Schäden durch Deko-Prozesse etc.),
  • Sicherstellung der für die Deko-Maßnahmen erforderlichen logistischen Güter (Betriebsmittel, Gerät, Ersatzbekleidung und -ausrüstung, Entsorgung etc.).
Das neue Dekontaminationssystem „Mammut“ aus den Beständen der Deutschen Bundeswehr, das dort als TEP-90 (Truppen-Entgiftungs-Platz) geführt wird. (Foto: Hämmerle)
Das neue Dekontaminationssystem „Mammut“ aus den Beständen der Deutschen Bundeswehr, das dort als TEP-90 (Truppen-Entgiftungs-Platz) geführt wird. (Foto: Hämmerle)

Resümee

Dekontamination beginnt bereits durch eine vorbeugende Ausbildung im ABC-Schutz mit der Individual-Deko. Die Voraussetzung für jegliche Beurteilungen ist die Kenntnis des kontaminierenden Stoffes (Detektion). Eine Kontaminationsverschleppung muss unbedingt vermieden werden. Die Deko hat so rasch wie möglich zu erfolgen und ist in manchen Fällen nur in einem vom Kontaminant bestimmten Zeitfenster möglich.

Major Mag.(FH) Michael Eichhübl, MBA; ist Leiter des Referates Sanitäts- und Veterinärgerät im BMLV.

 

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