• Veröffentlichungsdatum: 19.04.2019
  • – Letztes Update: 18.04.2019

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Helgoland 1864 - Der Deutsch-Dänische Krieg ist auch ein Seekrieg

Rüdiger Schiel

(Foto: wikipedia. Gemälde von Luwig Rubelli von Sturmfest)
(Foto: wikipedia. Gemälde von Luwig Rubelli von Sturmfest)

Eineinhalb Jahrhunderte sind seit dem letzten gemeinsamen Einsatz preußischer und österreichischer Seestreitkräfte für die deutsche Sache in der Nordsee vergangen. Für Dänemark bedeutet das Jahr 1864 auch die Erinnerung an den Zeitpunkt des letzten Seegefechtes, das dänische Seestreitkräfte bis heute geführt haben.

 

Schleswig-Holstein „meerumschlungen“

Während die Vorgeschichte und der Landkrieg in TRUPPENDIENST bereits gewürdigt worden sind, soll hier die Auseinandersetzung um das „Land zwischen den Meeren“ auf See dargestellt werden. Die Bedeutung von Seestreitkräften in diesem Konflikt wurde schon 1848 deutlich, als die deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche deswegen eine Reichsflotte schuf. Diese am 14. Juni 1848 entstandene Marine wird heute als historische Wurzel der Deutschen Marine angesehen.

Herausragend im Seekrieg von 1864 ist das Gefecht vor Helgoland am 9. Mai. Zum Zeitpunkt dieses Schlagabtausches waren die militärischen Entscheidungen an Land bereits gefallen. Die österreichischen und preußischen Truppen hatten schon ganz Schleswig besetzt und den Krieg bis nach Jütland hineingetragen. Für Dänemark war die See der Ort, an dem es seine Unterlegenheit zu Lande zumindest teilweise kompensieren konnte. Das wichtigste Mittel war dabei die Blockade der maritimen Handelswege Deutschlands, gegen die preußische und österreichische Seestreitkräfte eingesetzt wurden. Am 9. Mai 1864 wurde in diesem Konflikt mit Waffengewalt die Entscheidung gesucht. 

Edouard Suenson, Kommandeur des dänischen Geschwaders. (Foto: wikipedia)
Edouard Suenson, Kommandeur des dänischen Geschwaders. (Foto: wikipedia)

Die beteiligten Marinen

Dänemark

Die Überlegenheit Dänemarks zur See war keine Überraschung. Die Seemacht verfügte über eine geografische Schlüsselposition, ein Netz von Stützpunkten und eine ansehnliche Flotte. Sie bestand 1864 aus einem Schraubenlinienschiff, vier Schraubenfregatten, drei Schraubenkorvetten sowie sieben Kanonenbooten und war damit wesentlich stärker als die preußische Flotte. Gegen diese begnügte man sich im Kopenhagener Marinekommando mit passiven Maßnahmen im Rahmen der Blockade. Und so kam es nur einmal - auf Initiative der Preußen - zu einem erwähnenswerten Gefecht zwischen beiden Seiten. Als eine der ersten Maßnahmen verlegte die Fregatte „Niels Juel“ am 3. Februar in die Deutsche Bucht, um mit der Blockadeverhängung den Handelskrieg aufnehmen zu können. Damit wurde der Seehandel mit den Häfen der Deutschen Bucht unterbunden. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft der deutschen Staaten waren gravierend. Gefahr für das dänische Blockadeschiff bestand dagegen nicht. Am 8. März 1864 wurde die Blockade gegen Schleswig-Holstein auf die preußischen Häfen in der Ostsee ausgeweitet. Als am 29. März in Kopenhagen bekannt wurde, dass Wien sich zu einem Einsatz von Kriegsschiffen in der Nordsee entschlossen hatte, entschied sich Dänemark am 30. März, ein eigenes Geschwader für den Einsatz gegen die Österreicher aufzustellen.

Die dänische Seekriegsflagge. (Grafik: wikipedia)
Die dänische Seekriegsflagge. (Grafik: wikipedia)

Zum Kommandeur dieses Verbandes wurde der kriegserfahrene Orlogs­kaptajn (Kapitän zur See, entspricht dem Rang eines Obersten) Edouard Suenson ernannt. Sein Auftrag: „Sie beschützen den dänischen Handel und die dänischen Schiffe in der Nordsee und im Kanal, trachten so viele deutsche Schiffe als möglich zu nehmen und verhindern nach Tunlichkeit, dass feindliche Schiffe durch den Kanal und die Nordsee in die dänischen Gewässer vordringen.“ In dem nun folgenden Handelskrieg wurden 19 deutsche Kauffahrer als Prisen (Beute) aufgebracht. Das dänische Nordseegeschwader wurde von Kopenhagen bzw. London aus telegrafisch über das neutrale, weil britische, Helgoland geführt. Versorgungspunkte im Einsatzraum waren vom dänischen Befehlshaber auf den Nordfriesischen Inseln, Kapitänleutnant Hammer, vorbereitet worden. Zum 23. April verlegte das dänische Nordseegeschwader nach Kristiansand in Südnorwegen. Dort sollte es bis zum 5. Mai so verstärkt werden, dass es kampfstärker war als das herannahende österreichische Gegenstück. Suenson wollte schnellstmöglich in die Deutsche Bucht, um die Entscheidung zu suchen. Die sollte geschehen, bevor die für einen späteren Zeitpunkt erwartete österreichische Hauptmacht den Einsatzraum erreichen konnte.

Wilhelm von Tegetthoff, Kommandeur des österreichischen Geschwaders. (Foto: HGM)
Wilhelm von Tegetthoff, Kommandeur des österreichischen Geschwaders. (Foto: HGM)

Österreich

Das erwartete österreichische Gegenstück lag derweil als Teil des alliierten Geschwaders in Cuxhaven und wartete auf Informationen über den Standort des dänischen Gegners. Die Alliierten waren erst am 4. Mai in der Stadt an der Elbemündung angekommen. Der Beitrag der österreichischen Marine bestand zu diesem Zeitpunkt aus zwei Schiffen, den beiden Schraubenfregatten SMS „Schwarzenberg“ und SMS „Radetzky“, die von Linienschiffskapitän (Kapitän zur See, entspricht dem Rang eines Obersten) Wilhelm von Tegetthoff geführt wurden. Dies verwundert, umfasste doch die k.k. Kriegsmarine zu Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges im Kern ein Schraubenlinienschiff, fünf Panzerfregatten, zwei Schraubenkorvetten und zwölf Kanonenboote bzw. Raddampfer. Allerdings war nur ein kleiner Teil davon aktiv, der Rest lag unausgerüstet in Pola und Triest. Dieser aktive Teil stand Anfang 1864 als Levantegeschwader unter Tegetthoffs Kommando im östlichen Mittelmeer.

Die österreichische Seekriegsflagge. (Grafik: wikipedia)
Die österreichische Seekriegsflagge. (Grafik: wikipedia)

Nach Kriegsausbruch musste Wien handeln, wollte es seine dominante Rolle im Deutschen Bund nicht gefährden oder seine eigenen Reeder nicht im Stich lassen. Andererseits musste man auf Großbritannien Rücksicht nehmen und ausreichend Kräfte in der Adria belassen, um Italien abzuschrecken. Die große Distanz und die geringe Einsatzbereitschaft der österreichischen Seestreitkräfte machte die geplante Projektion von Seemacht beinahe unmöglich. Trotzdem wurde der Angriff auf die dänische Blockade von der politischen Führung angeordnet. Dazu wurde am 23. Februar 1864 ein Nordseegeschwader der k.k. Kriegsmarine aufgestellt. Kontreadmiral (entspricht dem Generalmajor bei den Landstreitkräften) Bernhard Freiherr von Wüllerstorf-Urbair sollte das Kommando führen. Um aber schnellstmöglich handlungsfähig zu sein, wurde am 27. Februar den präsenten Schiffen des Levantegeschwaders der Marschbefehl erteilt. SMS „Schwarzenberg“, die Korvette SMS „Dandolo“ und das Kanonenboot SMS „Seehund“ sollten im Mittelmeer kreuzen, zwischen Gibraltar und Konstantinopel „(…) den deutschstaatlichen Handel“ schützen, dänische Handelsschiffe kapern und dänischen Kriegsschiffen den Aufenthalt im Mittelmeer unmöglich machen. In Lissabon sollte der Verband dann auf den Rest des großen Geschwaders warten, um anschließend in die Nordsee zu gehen. Doch die zusätzlichen Kampfschiffe setzten sich nur nach und nach in Beweg

Das Sammeln der Flottenverbände erfolgte auf dem Anmarsch. Geschwader „Tegetthoff“ in Lissabon, Geschwader „Klatt“ in Piräus, Eskadre „Wüllerstorf“ in Gibraltar.
Das Sammeln der Flottenverbände erfolgte auf dem Anmarsch. Geschwader „Tegetthoff“ in Lissabon, Geschwader „Klatt“ in Piräus, Eskadre „Wüllerstorf“ in Gibraltar.

Tegetthoff wartete vom 17. März bis zum 5. April in Lissabon auf die österreichische Hauptmacht. Wüllers-torf-Urbair kam nicht, dafür lief am 4. April die Fregatte SMS „Radetzky“ ein. Deren Kommandant brachte den Befehl, mit den drei bereits vorhandenen Schiffen nach Brest zu verlegen. Am 5. April liefen die drei Schiffe „Schwarzenberg“, „Radetzky“ und „Seehund“ Richtung Norden aus. Sie wurden in Brest zuvorkommend empfangen, mussten aber wieder warten. Während dieser Zeit bestellte man den Kommandeur nach London, in die dortige Vertretung Österreichs. Dort hatte er sich gegenüber Großbritannien zu verpflichten, mit seinen Schiffen nicht in die Ostsee einzulaufen. Insgeheim rechnete man in London sogar damit, dass sich die österreichischen Einheiten nicht einmal in die Nordsee wagen würden. Tegetthoff ließ sich aber nicht einschüchtern. Er war ehrgeizig. Er wollte handeln, musste jedoch weiter warten. Am 23. April um 1450 Uhr war das Warten vorbei. „Infolge Allerhöchsten Befehls haben Sie sich mit unterstehenden Schiffen mit Vorsicht nach Texel zu begeben. Die dort liegenden preußischen Schiffe werden sich unter ihr Kommando stellen. Wenn Sie sich dann - und nach den über das dänische Blockadegeschwader einzuholenden Nachrichten - für stark genug halten, einen Erfolg erzielen zu können, so trachten Sie um jeden Preis, die Blockade vor Hamburg zu brechen. Eile tut not!“

Schon am nächsten Tag waren die österreichischen Einheiten auf dem Weg nach Osten. Sie fuhren gegen die Zeit, denn am 25. April hatte die Londoner Konferenz begonnen. Ein Waffenstillstand zeichnete sich ab. Für SMS „Seehund“ endete die Reise durch eine Havarie in Ramsgate. Nun waren nur noch zwei österreichische Kriegsschiffe einsatzbereit. Der letzte Schritt begann am 30. April, als die beiden Fregatten aus Deal Richtung Den Helder ausliefen.

Die preußische Seekriegsflagge. (Grafik: wikipedia)
Die preußische Seekriegsflagge. (Grafik: wikipedia)

Preußen

Dort warteten unter dem Kommando von Korvettenkapitän (entspricht einem Major bei den Landstreitkräften) Klatt die preußischen Kanonenboote SMS „Blitz“ und SMS „Basilisk“, samt dem Radaviso (ungepanzertes kleines Führungs- und Verbindungsschiff) SMS „Preußischer Adler“. Sie waren bereits im Dezember 1863 aus dem Mittelmeer in die Heimat zurückbeordert worden. Die Preußische Marine bestand 1864 aus insgesamt drei Schraubenfregatten, einer Schraubenkorvette und einer geringen Zahl von Raddampfern und Kanonenbooten. Die in Den Helder wartenden Einheiten waren allein nicht in der Lage, die Position der dänischen Marine in der Nord- und Ostsee in Frage zu stellen. Um handeln zu können, mussten sie auf die Ankunft der österreichischen Schiffe warten. Währenddessen hatte sich die restliche Preußische Marine in der Ostsee mit dänischen Blockadekräften ein erstes größeres Gefecht bei Jasmund (Rügen) geliefert. Dabei konnte die dänische Blockade am 17. März 1864 zwar nicht aufgebrochen werden, aber die preußischen Seestreitkräfte zeigten erstmals in einem größeren Rahmen Initiative und sammelten Kampferfahrung und Ansehen.

Großbritannien

Während dieser Ereignisse hatte Großbritannien die Protagonisten stets im Auge behalten. Offiziell neutral, hatte man in London der dänischen Seite seine Unterstützung in dieser Auseinandersetzung angedeihen lassen. Die Royal Navy stellte dabei der dänischen Marine vor allem Informationen über den Aufenthalt der verbündeten deutschen Schiffe zur Verfügung. Man war in London auch über das erstmalige maritime Auftreten Österreichs in der Nordsee wenig erbaut. In der englischen Presse wurde dies als Einbruch in den eigenen Nahbereich gewertet. Direkt griff die britische Seite in den Aufmarsch und den Kampf vor Helgoland nicht ein. Mit der Fregatte HMS „Aurora“ und dem Raddampfer HMS „Black Eagle“ behielt man die Entwicklungen in der Deutschen Bucht aber im Blick.

Das Seegefecht tritt in seine entscheidende Phase. Beide Geschwader feuern ihre Breitseiten ab (Foto: wikipedia; Gemälde von C. Dahl).
Das Seegefecht tritt in seine entscheidende Phase. Beide Geschwader feuern ihre Breitseiten ab (Foto: wikipedia; Gemälde von C. Dahl).

Das Gefecht

Die Konzentration der Kräfte

Nachdem der preußisch-österreichische Verband den niederländischen Hafen Den Helder am 2. Mai wegen widrigen Wetters nicht verlassen konnte, liefen die beiden Fregatten, samt den beiden Kanonenbooten und dem Radaviso am 3. Mai mit dem Ziel Cuxhaven aus. Schon am 4. Mai kam der deutsche Verband dort an. Konsularagent Kröger - der nachrichtendienstliche Vertrauensmann vor Ort - konnte noch nicht mitteilen, wo sich das dänische Nordseegeschwader aufhielt. Deshalb wurde für den 6. Mai ein Aufklärungsvorstoß angesetzt. Vor dessen Beginn klärte der englische Dampfer HMS „Black Eagle“ das deutsche Geschwader durch einen kurzen Besuch in Cuxhaven auf. Am späten Nachmittag verließen die preußischen und österreichischen Schiffe ihren Stützpunkt. Die nun folgende Nacht in See verblieb ergebnislos. Auch am 7. Mai wurden die Dänen nicht gefunden. Nach zwei Tagen in See mussten die Kohlevorräte in Cuxhaven ergänzt werden. Konsularagent Kröger wartete dort mit einer erfreulichen Nachricht: das dänische Geschwader sei bei Helgoland gesichtet worden. Suenson hatte am 8. Mai - von Kristiansand kommend - Sylt erreicht. Das dänische Geschwader, bestehend aus „Jylland“, „Niels Juel“ und „Heimdal“ wurde nun auf dänische Bitte hin vom Kommandanten der HMS „Aurora“, McClintock, über den Standort der deutschen Schiffe informiert.

Auf dem Höhepunkt des Gefechtes steht der Fockmast der „Schwarzenberg“ in Flammen. (Foto: wikipedia)
Auf dem Höhepunkt des Gefechtes steht der Fockmast der „Schwarzenberg“ in Flammen. (Foto: wikipedia. Gemälde von J.C.B. Püttner)

Der Tanz beginnt

Tegetthoff ging mit seinen Schiffen wieder in See, nicht ohne zuvor Kröger eine Nachricht an die Marinesektion mitgegeben zu haben: „War im Begriff nach Cuxhaven zurückzukehren, als ich erneute Nachricht über dänische Schiffe bei Helgoland erhielt. (…) Gehe zurück in See.“ Auf dem Marsch Richtung Helgoland wurde auf den Schiffen die Gefechtsbereitschaft hergestellt. Um 1100 Uhr sichtete der Ausguck auf SMS „Schwarzenberg“ im Norden Rauch. Damit war das dänische Geschwader gefunden. Auf der „Niels Juel“ wurde beinahe gleichzeitig ebenfalls der Gegner gemeldet. Suenson beorderte nun „Jylland“ und „Heimdal“ je an eine Seite seines Flaggschiffes „Niels Juel“ längsseits, um seinen Männern mitzuteilen: „Männer, dort sind die Österreicher. Nun werden wir mit Ihnen zusammentreffen. Ich vertraue darauf, dass wir genauso tapfer kämpfen werden, wie unsere Kameraden in Düppel.“ Danach formierte sich das dänische Geschwader wieder in Kiellinie, in der Reihenfolge „Niels Juel“, „Jylland“ und „Heimdal“.

Auf den deutschen Schiffen wurde nach der Sichtung des Gegners die kleine Flaggengala gehisst - an jedem Mast entfaltete sich nun entweder die österreichische rot-weiß-rote Kriegsflagge mit dem gekrönten Bindenschild oder der weiße Doppelstander mit dem preußischen Adler und dem Eisernen Kreuz im Wind. Der preußisch-österreichische Verband fuhr in Dwarslinie (Parallelkurs, nebeneinander), an deren linken Flügel das Flaggschiff SMS „Schwarzenberg“ stand. Dort stieg das Flaggensignal auf: „Unsere Armeen haben Siege erfochten, tun wir das Gleiche.“ Rechts daneben standen die Fregatte SMS „Radetzky“, der Radaviso „Preußischer Adler“ und die beiden Kanonenboote SMS „Basilisk“ und SMS „Blitz“.

Nun teilte sich der alliierte Verband in zwei Divisionen. Die beiden Fregatten und die drei preußischen Einheiten bildeten je eine Kiellinie. Sie fuhren parallel und versetzt auf Kurs Nordwest, drehten dann auf Nordkurs, auf den dänischen Verband zu. Während die beiden Fregatten dichter aufschlossen, blieben die preußischen Schiffe immer weiter zurück. Vor Beginn des Gefechtes erging deshalb durch Signal an die Preußen der Befehl: „Nach eigenem Ermessen für die Sicherheit des Schiffes sorgend handeln.“

Das dänische Geschwader kam auf Südostkurs dem österreichisch-preußischen Verband entgegen. Beide Kommandeure glaubten siegen zu können. Beide wollten den Gegner nicht entkommen lassen. Tegetthoff wollte den Dänen den Weg nach Helgoland abschneiden und Suenson wollte den Verbündeten den Weg nach Cuxhaven verlegen. Beide Seiten liefen unter Dampf. Es kam ein lauer Wind aus Nordwest, die See war glatt, der Tag war schön. Das britische Wachschiff, die Fregatte HMS „Aurora“, hatte vor Helgoland Anker geworfen und eine Beobachterposition bezogen. An der Küste der Insel hatten sich Zuschauer eingefunden.

 

Das Seegefecht vor Helgoland am 9. Mai 1864. (Grafik: Aschenbrenner)
Das Seegefecht vor Helgoland am 9. Mai 1864. (Grafik: Aschenbrenner)

Phase 1: Aufeinander zu

Kurz vor 1400 Uhr eröffnete SMS „Schwarzenberg“ mit ihren weit tragenden Buggeschützen auf eine Entfernung von 3 800 Metern das Feuer. Die Granaten fielen zu kurz in die See. Weitere folgten, zeigten aber keine erkennbare Wirkung im Ziel. Kurze Zeit später konnte die dänische Fregatte „Niels Juel“ das Feuer erwidern. Nun lag das Feuer immer besser, die Treffer häuften sich. Sehr früh explodierte eine dänische Granate in der Batterie von SMS „Schwarzenberg“ und tötete dort 14 Mann der Geschützbedienung. Auf 2 000 Meter Abstand passierten sich die Linien der Schiffe. Das dänische Feuer konzentrierte sich auf das österreichische Flaggschiff.

Phase 2: Suenson will abschneiden, Tegetthoff wendet

Zunächst entwickelte sich zwischen den beiden Verbänden ein Passiergefecht nach Steuerbord. Als die Distanz zwischen beiden Geschwadern auf 1 800 Meter reduziert war, setzten die Breitseitengeschütze ein. Nach der Passage drehte das dänische Geschwader nach Steuerbord, um die zurückgebliebenen preußischen Einheiten abzuschneiden. Tegetthoff erkannte die Gefahr sofort und warf seinen Verband auf Gegenkurs herum. Nun fuhren beide Verbände auf Parallelkurs nach Süden. Zwischen den beiden Linien lagen etwa 900 Meter.

Phase 3: Tegetthoff pariert und will entern, Suenson hält Distanz

Der österreichische Kommandeur merkte schnell, dass die Distanz zum Gegner für seine Vorderladergeschütze zu groß war, um ausreichend Wirkung zu erzielen. Er befahl deshalb einen konvergierenden Kurs. Die Distanz zu den dänischen Schiffen sollte schrittweise verringert werden. Da mit den Kanonen keine Entscheidung herbeigeführt werden konnte, setzten die Österreicher zum Enterangriff auf die „Niels Juel“ an. Auf dänischer Seite war man „(…) über dieses tollkühne Manöver ganz verblüfft (…). Es sah aus, als ob Tegetthoff sich nicht allein ritterlich zur Unterstützung seiner preußischen Kameraden anschickte, sondern auch die Tradition früherer Jahrhunderte auffrischen wollte. Dieses unerschrockene Drauflosschlagen auf den Feind erinnerte an die Taktik Nelsons, der den Sieg so oft durch tollkühnen Durchbruch der gegnerischen Linie errang.“ Wäre dieser Plan gelungen und hätten die Österreicher ein dänisches Schiff erobern können, wäre die artilleristische Überlegenheit Suensons gebrochen gewesen. Die geplante Annäherung gelang jedoch nicht. Der dänische Kommodore wich nach Backbord aus. Damit war der Enterplan vorerst vereitelt, aber auch die Gefahr für die preußischen Schiffe gebannt, die nun nicht mehr abgeschnitten werden konnten. 

Phase 4: Rangiertes Gefecht, die Artillerie wirkt sich aus

Jetzt entwickelte sich auf kurze Entfernung ein laufendes Gefecht, in dem beide Seiten ihre Breitseiten abfeuerten. Dabei liefen beide Geschwader auf südwestlichem Kurs, wobei die dänischen Schiffe auf der Backbordseite der deutschen Schiffe standen. Tegetthoff hatte möglicherweise die Absicht nicht gänzlich aufgegeben, eines der dänischen Schiffe zu entern. Sicherlich wollte er die Distanz für eine bessere Wirkung seiner Geschütze noch weiter verringern. Deshalb drehte der österreichisch-preußische Verband immer wieder nach Backbord an, um sich dem Gegner anzunähern. Im Gegenzug drehten die dänischen Schiffe ebenfalls nach Backbord ab, um die Distanz wieder zu vergrößern. Das laufende Gefecht blieb bestehen. Die dänischen Fregatten konzentrierten ihr Feuer auf SMS „Schwarzenberg“, während SMS „Radetzky“ mit der Korvette „Heimdal“ kämpfte. Die preußischen Schiffe liefen außerhalb des eigentlichen Gefechtes mit. Das österreichische Flaggschiff wurde mehrfach getroffen. Ein Brand in dessen Segeldepot gefährdete kurzzeitig die Pulverkammer, bis brennende Segelrollen gelöscht wurden. Während die Brände die Kampfkraft von SMS „Schwarzenberg“ kaum beeinträchtigen konnten, nahmen die Mannschaftsverluste dermaßen zu, dass einige Geschütze nicht mehr bedient werden konnten. Auch die dänischen Schiffe erhielten Treffer und deren Besatzungen erlitten Verluste, besonders die Fregatte „Jylland“. Allerdings wurde kein Geschütz durch Personalverluste kampfunfähig gemacht. Nach ca. zwei Stunden des Gefechtes gewannen die dänischen Einheiten immer mehr die Oberhand.

 

An Bord des dänischen Flaggschiffes „Niels Juel“. (Foto: wikipedia; Gemälde von C. F. A. Mølsted)
An Bord des dänischen Flaggschiffes „Niels Juel“. (Foto: wikipedia; Gemälde von C. F. A. Mølsted)

Phase 5: Tegetthoff schert aus, Suenson kann nicht nachsetzen

Auf dem Höhepunkt des Gefechtes - nach Tegetthoffs Bericht gegen 1600 Uhr - traf eine dänische Granate das Vormarssegel am Fockmast (vorderster Mast eines Segelschiffes) von SMS „Schwarzenberg“, das sich daraufhin entzündete. Schnell brannte der gesamte Fockmast. Herabstürzende Teile des laufenden und stehenden Gutes brachten die Pulverkammer abermals in Gefahr. Das Feuer war wegen der Höhe des Hauptbrandherdes im Mast und der Beschädigungen an der Löschwasserpumpe nicht zu löschen. Es bestand die Gefahr, dass der Wind das Feuer auf die beiden anderen Masten übertrug. SMS „Schwarzenberg“ musste vor den Wind gebracht werden, damit die Flammen zum Bug hin geweht wurden. Tegetthoff musste das Gefecht abbrechen und mit seinem Flaggschiff wegen der vorherrschenden Windrichtung das Gefechtsfeld in nördlicher Richtung - gen Helgoland - verlassen. Damit war der Kampf entschieden. Die deutschen Kräfte zogen sich zurück. Während SMS „Schwarzenberg“ nach Steuerbord auf Helgoland zudrehte, behielt SMS „Radetzky“ den Kurs bei und schob sich dadurch zwischen das brennende Flaggschiff und die Dänen. Die zweite Fregatte deckte so den Rückzug der ersten. Die preußischen Schiffe drehten mit SMS „Schwarzenberg“ nach Steuerbord an. Auf den Befehl „Man bilde die Frontlinie nach der natürlichen Ordnung“ formierten sich die Alliierten in einer Dwarslinie. Damit konnten alle fünf Schiffe ihre Heckgeschütze zur Wirkung bringen. Nun kämpften auch die preußischen Einheiten aktiv mit. Der Gegner sollte von SMS „Schwarzenberg“ abgedrängt werden. In dieser Phase des Gefechtes soll es einem der Geschütze von SMS „Basilisk“ gelungen sein, auf der dänischen Fregatte „Jylland“ einen Treffer nahe der Wasserlinie zu erzielen. Die dänischen Gefechtsberichte erwähnen davon nichts, so dass der preußische Geschützführer, Leutnant zur See von Werner, Jahrzehnte später meinte, er sei wohl einer Täuschung aufgesessen. Ob durch Treffer von SMS „Basilisk“ oder nicht, die dänische Fregatte „Jylland“ wurde in dem Moment manövrierunfähig, als Suenson den Befehl zur Verfolgung der deutschen Einheiten gab. Diese wurde unterbrochen, um die Reparatur des Schadens abzuwarten. Als das dänische Geschwader das Nachsetzen wieder aufnehmen konnte, waren die deutschen Schiffe bereits kurz vor den neutralen britischen Hoheitsgewässern um Helgoland angelangt. Die Dänen brachen daraufhin die Verfolgung ab, um die britische Neutralität zu wahren, blieben aber in der Nähe, um einem Ausbruchsversuch der Verbündeten umgehend begegnen zu können.  

 

Die Schwarzenberg steht in Flammen und dreht nach Helgoland ab. (Foto: wikipedia. Gemälde von H.J. Marcher)
Die Schwarzenberg steht in Flammen und dreht nach Helgoland ab. (Foto: wikipedia. Gemälde von H.J. Marcher)

Phase 6: Löschen, bergen, retten

Vor Helgoland stand währenddessen die Sorge um SMS „Schwarzenberg“ im Zentrum. Sowohl SMS „Radetzky“ als auch die preußischen Schiffe schickten als Unterstützung Ärzte und Feuerlöschmannschaften auf das beschädigte und brennende Schiff. Der Fockmast von SMS „Schwarzenberg“ stand lichterloh in Flammen. Vormarsrah (Segel), Fockrah (Segel) und Vormarsstenge (der mittlere Teil des Fockmastes) stürzten auf Deck. Auch der Klüverbaum (das über das Vorschiff hinausragende Rundholz) ging über Bord. Der Regen aus brennendem Material erzwang den Bau eines Schutzdaches, das permanent gewässert werden musste. Darunter konnte dann Schritt für Schritt das brennende Material gelöscht oder ins Meer geworfen werden. Am Ende wurden auch noch die glühenden Reste des Fockmastes gekappt und ins Meer entsorgt. Spät in der Nacht waren diese Notmaßnahmen abgeschlossen. Selbst das britische Wachschiff HMS „Aurora“ bot Unterstützung an, die Tegetthoff jedoch ablehnte. Noch während der Lösch- und Bergungsmaßnahmen wurden von Helgoland aus an das Marineministerium in Wien der Gefechtsbericht und eine Meldung der Schäden und Personalverluste telegrafiert.

Das Nachspiel

Nach der Wiederherstellung der Marschfähigkeit von SMS „Schwarzenberg“ trat der alliierte Verband den Rückweg nach Cuxhaven an. Das dänische Geschwader war kurz nach Ende des Gefechtes bereits nach Norden abgelaufen. Suenson sollte vor Eintritt des Waffenstillstandes keine weiteren Kampfhandlungen mehr riskieren. Auf Seiten der k.k. Kriegsmarine waren auf SMS „Schwarzenberg“ 32 Tote und 69 Verwundete zu beklagen. Auf SMS „Radetzky“ waren fünf Mann gefallen und 24 verwundet. Auf den dänischen Schiffen waren insgesamt 14 Seeleute getötet worden, während die preußischen Einheiten weder Tote noch Verletzte zu beklagen hatten. Die Zeitungen meldeten auf beiden Seiten Siege. Die österreichischen, preußischen und dänischen Soldaten wurden als Helden begrüßt, Tegetthoff am Tag nach dem Gefecht zum Kontreadmiral befördert. Suenson erhielt kurze Zeit später einen hohen Orden. Am 11. Mai wurden auf dem Friedhof Ritzebüttel (in Cuxhaven) die Gefallenen der österreichischen Kriegsmarine beerdigt - samt den amputierten Gliedmaßen der Verwundeten. Am 12. Mai 1864 trat ein erster, einmonatiger Waffenstillstand in Kraft. Der Friede von Wien beendete am 30. Oktober 1864 den Deutsch-Dänischen Krieg endgültig.

 

Fazit

Gemessen an dem erteilten Auftrag war vor allem das österreichische Geschwader erfolgreich geblieben. Es konnte die Blockade vor Hamburg brechen und die dänische Marine aus der Nordsee vertreiben. Tegetthoff hatte mit seiner Führungsleistung die als verschlafen angesehene k.k. Kriegsmarine „aufgeweckt“. Die österreichische Marine hatte sich als fähig erwiesen, Seemacht auch über große Anmarschwege hinweg zu projizieren. Suenson sollte die dänische Schifffahrt schützen und den deutschen Seehandel unterbinden. Vor allem sollte er das Eindringen feindlicher Kriegsschiffe in die Nordsee verhindern. Dafür hätte er das preußisch-österreichische Geschwader vernichten und den Anmarsch Wüllerstorf-Urbairs verhindern müssen. Das ist ihm und seinem Geschwader nicht gelungen. Trotzdem wurde mit dem Gefecht von Helgoland von 1864 in der dänischen Erinnerung ein bis heute wirksamer positiver Schlusspunkt in einem schon vorher an Land militärisch eindeutig verlorenen Krieg gesetzt. Die Preußische Marine gewann vor Helgoland an Gefechtserfahrung. Sie konnte mit ihren Mitteln, an der Seite einer maritimen Anlehnungsmacht, einen messbaren Beitrag zur Behauptung eines Seeraumes leisten. Anders als 1848 musste die dänische Blockade nicht unwidersprochen hingenommen werden. Großbritannien hatte 1864 mit dem Ziel agiert, den für sich selbst vorteilhaften Status quo in der Nordsee aufrecht zu erhalten. Es musste erleben, dass Österreich als raumfremde Macht starke maritime Kräfte in die Deutsche Bucht verlegen und damit das strategische Gleichgewicht nachhaltig verändern konnte. Dänemark konnte zwar das Gefecht vor Helgoland de facto für sich entscheiden, musste aber die Blockade aufgeben und konnte später seine maritime Dominanz in der Deutschen Bucht nicht mehr zurückerlangen. Schon das Ausbleiben der Vernichtung der deutschen Seestreitkräfte hatte - in Verbindung mit der herannahenden österreichischen Hauptmacht - die dänische Kontrolle der Nordsee beendet. Es gab keinen Ort mehr, an dem Kopenhagen seine Niederlage an Land kompensieren konnte. Die Blockade der deutschen Küsten konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Dänemark musste aufgeben und schied als Großmacht aus. Aus deutscher Sicht markierte 1864 auch ein Ende. Nicht nur im Seekrieg traten preußische und österreichische Streitkräfte zum letzten Mal zusammen für die gemeinsame deutsche Sache ein. Zwei Jahre später zerbrach dieses Bündnis, zusammen mit dem Deutschen Bund. Grund dafür war der Streit um Schleswig-Holstein.

Fregattenkapitän Dr. Rüdiger Schiel ist seit 2013 Mitarbeiter im Projektbereich Einsatzarmee Bundeswehr in der Abteilung Einsatz.

 

Am 9. Mai 2019 findet im Heeresgeschichtlichen Museum eine Veranstaltung zu diesem Thema statt.

Alle Informationen unter: Das Seegefecht vor Helgoland

 

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