• Veröffentlichungsdatum: 20.01.2020
  • – Letztes Update: 28.01.2020

  • 13 Min -
  • 2615 Wörter
  • - 10 Bilder

Drones - the poor man's airforce

Markus Reisner

(Foto: StockSnap, CC0)
(Foto: StockSnap, CC0)

Die Welt blickte gespannt nach Saudi-Arabien. Aufgerüttelt durch einen verheerenden Angriff mit Drohnen auf die bedeutenden Erdölproduktions- und Verteileranlagen Khurais und Abqaiq mitten in der saudischen Wüste. Einschlägige Fachzeitschriften bezeichnen die daraus resultierenden Folgen als die: "(...) größte tägliche Unterbrechung der Ölversorgung in der Geschichte der Menschheit.!"

Tatsächlich soll der durch den Ausfall verursachte Gesamtversorgungsverlust der saudischen Anlagen rund 5,7 Millionen Barrel Ölproduktion pro Tag – mehr als die Hälfte der jüngsten Produktion Saudi-Arabiens und etwa sechs Prozent des weltweiten Angebotes – sowie zwei Milliarden Kubikfuß Gasproduktion pro Tag (etwa 56,6 Millionen Kubikmeter) umfassen. Diese Zahlen lösten an den weltweiten Börsen eine kurzzeitige Schockwelle aus. Nicht zuletzt als Ursache eines daraus resultierenden möglichen Anstiegs der weltweiten Spritpreise stellten sich viele Menschen die Frage: „Wie konnte ein derart verheerender Angriff auf die saudische Erdölproduktion möglich sein?“ Und vor allem „Wer steckt dahinter?“ beziehungsweise „Cui bono?“

Dieser Angriff ist ein weiteres Vorzeichen für eine folgenschwere Entwicklung. Die staunende Öffentlichkeit musste nämlich feststellen, dass offensichtlich Drohnen als Angriffsmittel eingesetzt worden waren. Es scheint, dass derartige Waffensysteme mittlerweile nicht nur das bevorzugte Angriffsmittel von Staaten der so genannten ersten Welt, sondern auch anderer Institutionen und Akteure, seien es nun Regime, Aufständische oder separatistische Bewegungen oder gar Terroristen, sind. Tatsächlich ist das Phänomen von Drohnenangriffen in der Konfliktregion Naher und Mittlerer Osten nichts Neues. Über die Konfliktherde im Irak, in Syrien, dem Jemen und in der Levante (sprich Israel gegen seine Vielzahl an Feinden) gibt es bereits seit einigen Jahren zahlreiche Berichte von Drohnenangriffen. Diese reichen vom Einsatz von improvisierten bewaffneten Mini-Drohnen bis zu unbemannten Systemen in der Größe von Kleinflugzeugen.

Wie alles begann

Im Jahr 2004 machten israelische Soldaten eine unangenehme Entdeckung. Offensichtlich hatte die Terrororganisation Hisbollah damit begonnen, Mini-Drohnen zur Aufklärung einzusetzen. Innerhalb der nächsten 24 Monate wurde diese Fähigkeit weiter ausgebaut, und im Jahr 2006 erfolgte die nächste Überraschung: Hisbollah-Kämpfer versuchten, mit Sprengstoff bestückte Drohnen gezielt bei Angriffen gegen israelische Soldaten zu verwenden. Schnell war klar, dass diese Fähigkeiten nicht von der Hisbollah selbst entwickelt worden waren. So handelte es sich bereits bei der im Jahr 2004 verwendeten Drohne um eine „Mirsad-1“ iranischer Produktion. 

Drohnenbauschule des Islamischen Staates (IS). (Foto: Archiv/Markus Reisner)
Drohnenbauschule des Islamischen Staates (IS). (Foto: Archiv/Markus Reisner)
Unmanned Aerial Vehicle (UAV) der Hisbollah, sichergestellt durch die Israel Defense Forces (IDF) 2006.
Unmanned Aerial Vehicle (UAV) der Hisbollah, sichergestellt durch die Israel Defense Forces (IDF) 2006. (Foto: Archiv/Markus Reisner)

Die rasanten technischen Entwicklungen der folgenden Jahre führten dazu, dass Mini-Drohnensysteme bald für „Jedermann“ erreich- und nutzbar wurden. Diese neuen Möglichkeiten blieben Terrororganisationen nicht verborgen. Und so war es schließlich der Islamische Staat (IS), der im großen Umfang begann, handelsübliche Mini-Drohnen einzusetzen. Zuerst vorrangig zur Aufklärung von möglichen Angriffszielen für von Selbstmordattentätern gesteuerte fahrende Autobomben (Suicide Vehicle Borne Improvised Explosive Device - SVBIED). Doch rasch hatte man noch innovativere Ideen entwickelt. So wurden von den IS-Kämpfern überaus erfolgreich kleine Sprengsätze aus handelsüblichen Drohnen abgeworfen beziehungsweise ließ man Mini-Drohnen mit Sprengstoff beladen und wie einst die „Kamikaze“ in Ziele stürzen.

Beim Kampf um Mosul von Oktober 2016 bis Juli 2017 waren die irakischen Sicherheitskräfte zeitweise mit dutzenden Drohnenangriffen täglich konfrontiert. Nicht jeder der Sprengkörper fand sein Ziel, doch Zufallstreffer, gefolgt von spektakulären Explosionen stellten die Iraker und die verbündeten Koalitionsstreitkräfte vor große Herausforderungen. Der IS produzierte die abgeworfenen Sprengkörper nach eigenen Qualitätsstandards und verwendete eine Vielzahl von unterschiedlichen Mini-Drohnen (vor allem der chinesischen Firma DJI) in „Rotary“ und „Fixed wing“ Ausführungen. Die mitgeführten Kameras hatten „Multirole“-Aufgaben. Sie dienten der Aufklärung, der Zielfindung und -zuweisung sowie für Propagandaaufnahmen. Diese Fähigkeiten sprachen sich rasch herum und führten dazu, dass der Einsatz von leicht zu beschaffenden Drohnensystemen in allen Konfliktregionen zunahm. Aus dem Nahen und Mittleren Osten wanderten diese „Tactics, Techniques and Procedures“ (TTPs) in die Sahel-Zone, nach Libyen und auch in die Ukraine.

Proliferation beginnt

Dem Vorbild des IS, Mini-Drohnen einzusetzen, folgten viele andere terroristische Organisationen. So tauchten erste Videos der Taliban auf. Diese filmten ihre spektakulären Anschläge ab nun mit Mini-Drohnen. In der Ukraine hingegen häuften sich Berichte über Mini-Drohnen, die von den „Separatisten“ gesteuert wurden. Eine Analyse der verwendeten Modelle zeigte klar, dass die Fertigung der Drohnen nicht in Luhansk und Donetsk erfolgt war, sondern dass es sich um russische Armeemodelle handelte. In Syrien kopierten hingegen Regimetruppen und Rebellengruppierungen die Einsatztaktiken des IS. Und aus Syrien wurde auch eine weitere Qualitätssteigerung in der Einsatzführung bekannt. So griffen dort ab Jänner 2018 wiederholt ganze Drohnenschwärme den russischen Luftwaffenstützpunkt Khmeimin an. Als Ergebnis wurden mehrere russische Kampfflugzeuge schwer beschädigt beziehungsweise zerstört. Eine Analyse des Angriffes legt die Vermutung nahe, dass der Angreifer die einzelnen Drohnen über einen Leitstrahl zum Ziel dirigiert hatte. Eine Fähigkeit, die in ihrer Komplexität nicht unbedingt den syrischen Rebellen zuordenbar ist. Der Urheber dieses, über eine weite Distanz geführten Angriffes bleibt weiterhin im Dunkeln. Fakt ist jedoch, dass die Einsätze der russischen Luftwaffe entscheidend zu den Erfolgen der syrischen Streitkräfte beitrugen, also eine Störung dieser Einsätze im Interesse vieler Akteuren lag.

Ein Schwarm Unmanned Aerial  Vehicles beim Angriff auf den russischen Luftwaffenstützpunkt in Syrien zum Einsatz kamen.
Ein Schwarm Unmanned Aerial Vehicles beim Angriff auf den russischen Luftwaffenstützpunkt in Syrien zum Einsatz kamen. (Foto: Archiv/Markus Reisner)

Es zeigte sich somit, dass der Einsatz von Mini-Drohnen nicht nur für „non state actors“ interessant ist, sondern auch für Staaten, die nicht unbedingt ein Interesse daran haben, dass sie mit einem erfolgten Angriff in Verbindung gebracht werden. Die Drohne ist das perfekte Einsatzmittel dazu. Ohne Kennzeichnung und vor allem ohne menschlichen Piloten lässt sich nach Auffinden möglicher Überreste nur spekulieren, wer der Urheber des Einsatzes gewesen sein könnte. Und selbst wenn die technische Bauart auf eine bestimmte Herkunft hinweist, so lässt sich immer noch behaupten, dass die Verwendung durch andere oder gar missbräuchlich erfolgt war.

Wettrüsten beginnt

Je höher eine Drohne mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet ist, desto höher ist der technische Aufwand im Bau und Einsatz. Einfache Systeme lassen sich im Internet bestellen und liefern, größere Modelle entstammen jedoch eindeutig militärischer Forschung und Produktion. So wurden von den ukrainischen Streitkräften und deren Freiwilligenverbänden Modelle vom russischen Typ „Forpost“ und „Orlan-10“ in der Ostukraine abgeschossen und erbeutet. Eine Analyse der technischen Fähigkeiten ergab, dass sich diese Systeme zu weit mehr als nur zur Aufklärung eignen. So ermöglichen sie die „In time“-Zielzuweisung (ohne Zeitverzögerung) für Artilleriesysteme unterschiedlicher Reichweiten (z. B. von Mehrfachraketenwerfern TOS-1 oder BM-21 beziehungsweise von Panzerhaubitzen vom Typ 2S-19). Delikaterweise ist die russische „Forpost“ eine Weiterentwicklung der israelischen IAI (Israel Aircraft Industries) „Searcher“. Dieser Typ war von Israel bereits in den 1980ern entwickelt worden und hatte sich als Exportschlager erwiesen. Drohnen vom Typ „Orlan-10“ waren wiederum mit Vorrichtungen ausgestattet, die eine Kontrolle von GSM-Funksignalen ermöglichten. In einer derartigen Konfiguration wird das System „Leer-3“ von den russischen Streitkräften eingesetzt. Drohnen vom Typ „Orlan-10“ sind eindeutig russische Eigenentwicklungen und wurden im Jahr 2013 erstmals an die russischen Streitkräfte ausgeliefert. Die Liste der Akteure, die Drohnen unterschiedlichen Typs und Größe erfolgreich verwendeten, ließe sich beliebig verlängern. Bemerkenswert ist jedoch, dass nicht nur für ihre Drohnenkriegsführung bekannte Staaten, wie die USA oder Großbritannien, bewaffnete Drohnen verwenden, sondern mittlerweile auch Staaten wie der Irak, Nigeria und der Iran. China hat erfolgreich eine Lücke in der globalen Waffenindustrie erkannt und liefert auf Bestellung bereits Systeme, die in ihrer Größe und Leistung mit amerikanischen „Unmanned Aerial Vehicles“ (UAV) vom Typ MQ-1 „Predator“ und MQ-9 „Reaper“ vergleichbar sind. Auch arabische Staaten erweisen sich als fleißige Kunden der Chinesen. Als Ergebnis häufen sich Sichtungen von Wracks chinesischer Drohnen (z. B. vom Typ „Wing loong“) in Libyen oder im Jemen. Die Drohnenkriegsführung ist definitiv nicht mehr nur den bekannten Akteuren vorbehalten.

Unmanned Aerial Vehicle des Islamischen Staates mit einer adaptierten Panzerabwehrgranate RPG.
Unmanned Aerial Vehicle des Islamischen Staates mit einer adaptierten Panzerabwehrgranate RPG. (Foto: Archiv/Markus Reisner)

„Luftwaffe“ für jedermann

Auf höchstem Niveau stellt sich der Einsatz von Drohnensystemen jedoch in jenen Konfliktregionen dar, wo sich Interessen des Irans ergeben. Und dies betrifft vor allem Israel und die saudische Halbinsel. Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit gelang es dem Iran über die vergangenen Jahrzehnte, eine ganze Familie von unbemannten Systemen zu entwickeln: Drohnen unterschiedlicher Klassen auf der einen und Marschflugkörper unterschiedlicher Leistungsparameter auf der anderen Seite. Diese im Rahmen von Proliferation befreundeten, dieselben Interessen verfolgenden oder gar gesteuerten Gruppierungen zur Verfügung zu stellen war nur die logische Folge.

Im Jahr 2012 wurde bekannt, dass eine Drohne vom (iranischen) Typ „Ayoub“ von der Hisbollah tief in den israelischen Luftraum gesteuert wurde. Dort wurde sie prompt von der israelischen Luftwaffe abgeschossen. Trotzdem war es der Drohne gelungen, über einen „Downlink“ Aufnahmen von der israelischen Nuklearfertigungsanlage Dimona zu übermitteln. Diese Aufnahmen wurden Wochen später vom Iran der Öffentlichkeit präsentiert. Das stellte einen unerwarteten Propagandaerfolg dar. Ab diesem Zeitpunkt waren die israelischen Streitkräfte laufend mit der neuen Bedrohung konfrontiert (z. B. 2014 bei der Operation „Protective Edge“). Hisbollah und schließlich auch die Hamas studierten zudem aufmerksam die Entwicklungen in anderen Konfliktregionen und begannen (mit und ohne Unterstützung) ihre eigenen Systeme zu entwickeln und einzusetzen – kostengünstig und effektiv. Im September 2014 führte die Hisbollah sogar einen Drohnenangriff auf die Al-Quaida nahe der Al-Nusra-Front in Syrien durch. Dabei sollen über zwanzig Al-Nusra-Kämpfer getötet worden sein.

Im Jahr 2015 wurde im Bekaatal im Libanon eine eigene Start- und Landebahn für Drohnen aufgeklärt. Hier tummelten sich Typen (z. B. „Ababil-3“ und „Shahed-129“), die in ihrem Aussehen verblüffend den iranischen Mustern ähnelten.

Ausschnitt aus einem Propagandavideo des IS.
Ausschnitt aus einem Propagandavideo des IS. (Foto: Archiv/Markus Reisner)

Folgen des syrischen Bürgerkrieges

Die innersyrischen Auseinandersetzungen wurden rasch zum Experimentierfeld für unterschiedliche Drohnensysteme. Schiitische Freiwilligenmilizen erhielten hierzu bereitwillige Unterstützung aus dem Iran. Drohnen vom Typ „Shahed-129“, die mit Luft-Boden-Raketen vom Typ „Sadid“ ausgestattet waren, versuchten mindestens einmal einen Angriff auf eine Basis der westlichen Koalitionsstreitkräfte in Syrien: Zumindest zwei wurden von amerikanischen F-15E abgeschossen. Mit der Zerstörung von zwei weiteren „Sahed-129“ auf der syrischen Luftwaffenbasis „T4“ (Militärflugplatz Tiyas) durch die israelische Luftwaffe im Jahr 2018 wurde dem Einsatz von bewaffneten Drohnen durch die Hisbollah vorerst ein Ende gesetzt. Doch gerade das Jahr 2018 brachte eine bemerkenswerte Qualitätssteigerung mit sich. Im Februar gelang es einer Drohne vom (iranischen) Typ „Saegheh-2“, von Syrien aus in den israelischen Luftraum vorzudringen. Auch hier erfolgte ein rascher Abschuss, dennoch wurde beim Angriff auf die Bodenkontrollstation eine israelische F-16I abgeschossen. Dies stellte eine Zäsur dar. Delikaterweise ähnelte die abgeschossene „Saegheh-2“ frappant einer amerikanischen Drohne vom Typ RQ-170 „Sentinel“. Ein Exemplar dieses Typs war im Dezember 2011 im iranischen Luftraum verloren gegangen. Zuerst wurde das von US-Seite dementiert, bis schließlich der vormalige US-Präsident Obama die Rückgabe amerikanischen „Eigentums“ vom Iran forderte. Es scheint, als ob es dem Iran gelungen wäre, die amerikanische Drohne mittels „reverse engineering“ nachzubauen.

Das Bedeutende an dem Vorfall in Israel war jedoch der Umstand, dass die „Saegheh“ offensichtlich mit Sprengstoff beladen gewesen war. Und das war selbst für die Israelis eine böse Überraschung, wäre der Gegner doch in der Lage gewesen, gezielt ein beliebiges Objekt auf israelischem Boden anzugreifen. Entsprechend öffentlichkeitswirksam präsentierte (u. a. auf der Münchner Sicherheitskonferenz) daher der israelische Premier Natanjahu die Überreste der Drohne. Der Krieg im Jemen stellt ebenfalls ein Testgelände für die Technologie von unbemannten Systemen dar. Es gelang einer arabischen Koalition bis heute nicht, die im Jemen kämpfenden Houthi-Rebellen zu besiegen. Trotz Lieferung und Einsatz von westlichen Präzisionswaffen und bewaffneten Drohnen erzielten die arabischen Koaltionsstreitkräfte bis jetzt keinen Erfolg.

Präsentation des Houthi Waffenarsenales auf der Al Anad Luftwaffenbasis/Jemen im Juli 2019. Vorne die Quds-Marschflugkörper, im Hintergrund die Mini-Drohnen.
Präsentation des Houthi Waffenarsenales auf der Al Anad Luftwaffenbasis/Jemen im Juli 2019. Vorne die Quds-Marschflugkörper, im Hintergrund die Mini-Drohnen. (Foto: Archiv/Markus Reisner)

Erste spektakuläre Erfolge

Den aufständischen Houthis gelang es, durch den Einsatz von Drohnen unterschiedlichen Typs eine gewisse Symmetrie im Konflikt herzustellen. Zwar konnte man den Bombardierungen der arabischen Koalitionsstreitkräfte nichts entgegensetzen, aber man war in der Lage, selbst über hunderte Kilometer entfernt Vergeltung zu üben. Im Jahr 2017 setzten die Houthis erstmals „selbst produzierte“ Drohnen vom Typ „Qasef-1“ ein. Im Aussehen klar dem iranischen Modell „Ababil-2“ zuordenbar, mit einer Reichweite von 150 Kilometer und beladen mit Sprengstoff, war das bereits ein potentes Waffensystem. In Folge häuften sich die Berichte über dessen Einsatz. So beanspruchten die Houthis mehrere Angriffe auf Ziele in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten für sich. Die Angriffe richteten sich gegen die Kritische Infrastruktur. Dabei wurden Flughäfen (u. a. in Dubai) und Erdölanlagen (Pipelines und Förderanlagen in Saudi-Arabien) getroffen. Zum Teil sollen diese Angriffe über mehrere hundert Kilometer geflogen worden sein.

Im April 2018 schossen saudische Flugabwehrsysteme vermeintliche Drohnen über den Flughäfen von Abha und Jizan ab. Im Juli und August 2018 sollen die Flughäfen von Abu Dhabi und Dubai mit „Sammad-3“ angegriffen worden sein. Im Juli 2018 erfolgte auch ein weiterer Angriff auf die saudische Erdölraffinerie von Riyadh mit einer „Sammad-2“. Beide verwendeten Typen sollen über eine Reichweite von bis zu 1.400 Kilometer verfügen.

Im Jänner 2019 attackierte man eine laufende Parade des jemenitischen Militärs auf der Al Anad-Luftwaffenbasis, und im Juli 2019 präsentierten die Houthis stolz ihr „selbst entwickeltes“ Waffenarsenal. Entsprechend drapiert, hatte die Öffentlichkeit die Möglichkeit, einen Blick auf die bereits eingesetzten Mini-Drohnensysteme zu werfen. Doch diesmal standen auch neue Waffen im Rampenlicht – nicht nur Drohnen (darunter das neue System „UAV-X“ mit bis zu 1.500 Kilometer Reichweite) und Raketen, sondern auch Marschflugkörper. So wurde das System „Quds“ präsentiert. Es soll über eine Reichweite von mehreren hundert Kilometer verfügen und bei genauerer Betrachtung eindeutig dem iranischen Marschflugkörper „Soumar“. ähneln. Dieser sowie seine Weiterentwicklung „Hoveyzeh“ waren vom Iran Anfang des Jahres präsentiert worden. Auch hier kommentierte Israel das Erscheinen dieser Systeme sofort. Berechtigterweise wies Israel darauf hin, dass es mit den herkömmlichen Abwehrsystemen äußerst schwierig sei, derartige Marschflugkörper abwehren zu können. Im Gegensatz zu den bis in das Ziel steuerbaren eher langsam fliegenden Drohnen, erlaubt ein Marschflugkörper eine Vorprogrammierung und Annäherung im Konturenflug mit hoher Geschwindigkeit in das Ziel. Die iranischen Streitkräfte hatten offensichtlich einen weiteren Technologiesprung zustande gebracht. Der Umstand, dass im Jahr 2005 mehrere ehemalige sowjetische Marschflugkörper vom Typ Kh-55 aus der Ukraine ihren Weg in den Iran gefunden hatten, dürfte diese Entwicklung wohl beträchtlich beschleunigt haben.

Oktober 2016 Iran: Iranische Nachbauten (links), Original US-Drohnen (rechts).
Oktober 2016 Iran: Iranische Nachbauten (links), Original US-Drohnen (rechts). (Foto: Archiv/Markus Reisner)
Das iranische UAV-X der Houthis hat eine Reichweite von bis zu 1 500 Kilometern.
Das iranische UAV-X der Houthis hat eine Reichweite von bis zu 1 500 Kilometern. (Foto: Archiv/Markus Reisner)

Showdown in der saudischen Wüste

Die saudischen Streitkräfte präsentierten nach dem Angriff auf die Ölanlage des Konzernes Saudi Aramco vom 14. September 2019 in der saudischen Wüste gefundene Trümmer von abgestürzten eingedrungenen Flugobjekten. Diese Bilder, so sie echt sind, lassen schnell erkennen, dass es sich offensichtlich exakt um Drohnen eines unbekannten Typs sowie um Marschflugkörper vom Typ „Quds“ handeln könnte. Also von jenem Typ, wie sie die Houthis vor wenigen Monaten präsentiert hatten. Ein Waffensystem zu präsentieren, heißt aber nicht, es auch entwickelt zu haben. Wie beim Drohnensystem „Qasef“ stammen die „Quds“ mit ziemlicher Sicherheit aus dem Iran. Waren es also die Houthis gewesen, die diesen Angriff (mit iranischer Unterstützung) über knapp 1.350 Kilometer aus dem Nordjemen bis zu den Angriffszielen in der saudischen Wüste durchgeführt hatten? Oder erfolgte der Angriff über eine kürzere Entfernung gar aus dem Irak (durch verbündete schiitische Milizen) oder doch aus dem Iran selbst? Die Houthis beanspruchen den Erfolg zumindest für sich, der Iran verweist auf den „ungerechten“ Krieg im Jemen und Saudi-Arabien sowie die USA und Europa verweisen auf den Iran. In Anbetracht des offensichtlich verheerenden Erfolges der Zerstörungen in den saudischen Erdölanlagen und der möglichen Auswirkungen auf den Ölpreis stellt dieser Angriff in jedem Fall eine weitere gefährliche Eskalation in diesem Raum dar. Und er macht bewusst, dass unbemannte Waffensysteme zum Mittel der ersten Wahl in der modernen Kriegsführung geworden sind. Der kürzliche Angriff auf die saudischen Erdölanlagen ist in jedem Fall ein weiterer Schritt in der Eskalationsspirale nach oben.

Fazit und Ausblick

Die aktuelle Drohnenkriegsführung ist ein klares Phänomen moderner Kriege. Abgesehen von der berechtigten Argumentation westlicher Staaten hinsichtlich der Fähigkeit zu einer präziseren und somit möglicherweise humaneren Art der Kriegsführung liegt es auf der Hand, dass auch andere Akteure erkannt haben, welchen Nutzen der Einsatz von Drohnen mit sich bringt. Sie sind ein billiges und effizientes Mittel und können bei richtigem Einsatz strategische Wirkung erzielen. Sie machen es möglich, dass terroristische Organisationen über hohe Entfernungen zuschlagen können und haben vor allem zwei weitere große Vorteile:

Erstens muss sich der Akteur, der Drohnen einsetzt, keine Sorgen über den Verbleib menschlicher Piloten machen. Und zweitens lässt sich die Zugehörigkeit von Wracktrümmern öffentlich immer dementieren und deren Herkunft verleugnen. Somit kann man davon ausgehen, dass in Zukunft vermehrt Flugobjekte „unbekannter“ Herkunft auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt auftauchen werden. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste von Terroristen gesteuerte Drohne ein Fußballstadion oder eine Kritische Infrastruktur in vermeintlich sicheren Staaten ansteuern wird – in verbrecherischer Absicht und mit verheerender Wirkung.

Oberstleutnant dG Mag.(FH) Dr. Markus Reisner, PhD ist Leiter des Projekts „Integration von teilautonomen Systemen in zukünftigen Kampfverbänden“ in der Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie.

 

Ihre Meinung

Meinungen (0)