• Veröffentlichungsdatum: 15.11.2017
  • – Letztes Update: 17.11.2017

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Die Innen- und Außenpolitik der Habsburgermonarchie 1915-1917

Lothar Höbelt

(Foto: U.S. National Archives and Records Administration/gemeinfrei)
(Foto: U.S. National Archives and Records Administration/gemeinfrei)

Das Auf und Ab an den Fronten endete für die Mittelmächte Ende 1916 mit einem Patt, dem das Deutsche Reich mit dem fatalen Entschluss zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu entkommen versuchte. Die Debatte um die Kriegsziele in Österreich-Ungarn ließ sich nicht von den Reformprojekten im Inneren trennen. Doch der Großteil der Politiker verfolgte eine „Politik der zwei Eisen im Feuer“, um für jeden Ausgang des Krieges gerüstet zu sein.

Die Euphorie des Jahres 1915

Das Jahr zwischen dem Mai 1915 und dem Mai 1916 war für Österreich-Ungarn durch eine unerwartete Serie von Erfolgen gekennzeichnet: Der Durchbruch von Gorlice-Tarnow (ab 2. Mai 1915) endete mit der Eroberung ganz Polens; die italienische Front hielt: die Österreicher behaupteten sich in den ersten Isonzo-Schlachten; im Herbst wurden - mit Bulgarien als neuem Bündnispartner - auch noch Serbien und Montenegro besiegt und komplett besetzt; die Reste der serbischen Armee mussten sich über die verschneiten Berge Albaniens an die Adria zurückziehen und wurden dort Anfang 1916 auf Schiffen der Entente evakuiert. Eine Operation, die Lothar Baumgartner einmal als das „österreichische Dünkirchen“ bezeichnet hat. In Wien sinnierte der Chef der kaiserlichen Militärkanzlei: „Was wir mit unseren Siegen anfangen sollen?“

Kam man dem Frieden deshalb näher? Der deutsche Verbündete liebäugelte mit einem Sonderfrieden mit Russland. Doch der Zar wies alle Angebote zurück, seine Alliierten im Stich zu lassen. Wenn Russland schon nicht zu einem Frieden bereit war, war es dann nicht an der Zeit, die Polen zu mobilisieren, die sich im 19. Jahrhundert immer wieder gegen die russische Fremdherrschaft erhoben hatten? Eine aus Freiwilligen zusammengesetzte „Polnische Legion“ unter dem späteren Staatschef Józef Pilsudski kämpfte seit Kriegsbeginn aufseiten der Österreicher. Vielleicht konnte man das bisher russische Polen mit Galizien vereinigen, als dritten Reichsteil der Habsburgermonarchie neben Österreich und Ungarn. Dieses Konzept wurde bekannt als die so genannte „austro-polnische Lösung“. Wie bei allen Reformversuchen lauerten dahinter sowohl Chancen als auch Gefahren. Im Inneren der Monarchie waren die Ungarn und die Tschechen gegen ein solches Experiment, die Deutschösterreicher und die Polen mehrheitlich dafür. In Berlin konnte man sich lange Zeit nicht recht entscheiden, doch schließlich überwogen die Zweifel.

Bulgarische Infanterie greift 1916 im Raum Bitola an. (Foto: Autor unbekannt; gemeinfrei)
Bulgarische Infanterie greift 1916 im Raum Bitola an. (Foto: Autor unbekannt; gemeinfrei)
Soldaten der bulgarischen Armee auf dem Weg zur Front. (Foto: Autor unbekannt; gemeinfrei)
Soldaten der bulgarischen Armee auf dem Weg zur Front. (Foto: Autor unbekannt; gemeinfrei)

Die Krise im Osten 1916

All diese optimistischen Perspektiven wurden durch die russische Brussilow-Offensive weggewischt, die ab 4. Juni 1916 die österreichisch-ungarische Ostfront zum Einsturz brachte. Im Frühjahr 1915 hatte Österreich-Ungarn acht zusätzliche deutsche Divisionen gebraucht, um die kritische Situation an der Ostfront in den größten Einzelerfolg dieses Krieges zu verwandeln. Jetzt waren binnen weniger Wochen schon mehr als zwei Dutzend neu herangeführte Divisionen verbraucht. Sogar die Türken schickten den Österreichern ein Korps zur Entlastung nach Galizien.

Die Krise wurde zu Recht auf die Sturheit der beiden Generalstabschefs zurückgeführt, nämlich des Österreichers Conrad und des Preußen Falkenhayn, die im Frühjahr ihre jeweils eigene Offensive ohne Koordination und Absprache miteinander begonnen hatten - Conrad in Südtirol, Falkenhayn gegen Verdun. Ein gemeinsames Oberkommando, zumindest an der Ostfront, war überfällig. An diesem Punkt hakten jetzt auch die Politiker ein: Denn die beiden Generalstabs-chefs hatten sich auch deshalb missliebig gemacht, weil sie sich zu sehr in die Politik eingemischt hatten.

Der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg wollte das im Osten erfolgreiche Duo Hindenburg und Ludendorff gegen Falkenhayn ausspielen; die Österreicher Conrad unter Kuratel stellen, dem vorgeworfen wurde, die Bodenhaftung längst verloren zu haben: Seine Ideen seien als Ding an sich zwar genial; nur leider undurchführbar, ätzte ein Diplomat, der als Aufpasser im Armee-Oberkommando saß. Im Juli 1916 wurde ein gemeinsames Oberkommando für die Ostfront („Oberost“) vereinbart, im August - nach der Kriegserklärung Rumäniens - gar eine „Oberste Kriegsleitung“, die dazu bestimmt war, den Türken und Bulgaren das Zusammenspiel zu erleichtern. Kaiser Wilhelm wurde formell das Oberkommando übertragen, doch Franz Joseph behielt sich ein Vetorecht vor. Die Italien-Front war ausdrücklich ausgenommen. Österreich-Ungarn verlor bei dem Handel nichts.

Der Kommandant der 'Polnischen Legion' und spätere Staatschef Józef Pilsudski an der Spitze seiner Soldaten. (Foto: HGM)
Der Kommandant der 'Polnischen Legion' und spätere Staatschef Józef Pilsudski an der Spitze seiner Soldaten. (Foto: HGM)

Rumänien hatte schon lange über einen Kriegseintritt auf Seiten der Entente nachgedacht, es sich 1915 angesichts der Erfolge der Mittelmächte aber noch einmal überlegt. Diese Entscheidung für den Frieden war außerdem noch mit einem guten Geschäft verbunden. Die Rumänen saßen auf Millionen von Tonnen an Getreide, die sie nicht mehr exportieren konnten, sobald die Türken die Ausfahrt aus dem Schwarzen Meer sperrten.

Die Österreicher wiederum litten Hunger, wegen der britischen Blockade - und wegen ihrer verfehlten Wirtschaftspolitik, die gut gemeint, aber das Gegenteil von gut war. Um die Konsumenten vor der Inflation zu schützen, hatte die Regierung schon 1914 Höchstpreise für Nahrungsmittel verordnet und dann damit begonnen, die vorhandenen Vorräte zu konfiszieren. Damit war aber auch für die Bauern jeder Anreiz verschwunden, mehr zu produzieren (es sei denn für den Schwarzmarkt).

In einem kurzen Krieg konnte man sich durch derlei Requisitionen über Wasser halten; doch in einem langen Krieg wirkte sich diese kontraproduktive Agrarpolitik katastrophal aus: Die Ernte ging 1915 noch weiter zurück. Aufgrund dieser Situation lag ein Handelsabkommen zwischen Österreich und Rumänien förmlich in der Luft. Beide Seiten pokerten anfangs hoch - und fanden dann doch noch zu einer Lösung. Die österreichischen Konsumenten lebten im ersten Halbjahr 1916 fast ausschließlich von rumänischem Getreide, das die Donau herauf verschifft wurde. 

Mit diesen Lieferungen war es aus, als Rumänien am 27. August 1916, mitgerissen von Brussilows Erfolgen in Galizien, doch noch in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten war. Die Folge war die erste wirkliche Hungersnot in Wien und vielen anderen Gegenden der Monarchie, vom Erzgebirge bis zum Küstenland. Diese wirtschaftlichen Folgen des rumänischen Kriegseintrittes spürte bald fast jeder; doch die militärischen Schwierigkeiten waren erstaunlich bald beseitigt.

In einem perfekten Zusammenwirken aller vier Mittelmächte (des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns, Bulgariens und des Osmanischen Reiches) wurden die Rumänen noch vor Jahresende 1916 schwer geschlagen. Die Rumänen griffen in Siebenbürgen an; die Mittelmächte führten ihren Gegenstoß von Bulgarien aus. Die österreichisch-ungarische Donauflottille erleichterte am 23. November die Flussüberquerung bei Sistova; eingesetzt wurden dabei zum Transport der Pferde auch Vorläufer der Landungsboote, wie sie dann im Zweiten Weltkrieg Verwendung fanden.

Am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest; die rumänische Regierung zog sich nach Jassy an die russische Grenze zurück. Zwei Wochen vorher, am 21. November 1916, war in Wien der alte Kaiser Franz Joseph im 87. Lebensjahr an einer Lungenentzündung gestorben, bis wenige Stunden vorher noch an seinem Schreibtisch arbeitend. Noch in seinen letzten Monaten hatten Besucher geurteilt, der alte Herr sei gebeugt, aber erstaunlich frisch und gut informiert. Eine Ära ging zu Ende.

Das deutsche U-Boot U-35 versenkt einen englischen Dampfer vor Sardinien. (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-00159/CC BY-SA 3.0)
Das deutsche U-Boot U-35 versenkt einen englischen Dampfer vor Sardinien. (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-00159/CC BY-SA 3.0)
Versenkung der RSM 'Lusitania' durch das deutsche U-Boot U-20. (Foto: Bundesarchiv, DVM 10 Bild 23-61-17/CC BY-SA 3.0)
Versenkung der RSM 'Lusitania' durch das deutsche U-Boot U-20. (Foto: Bundesarchiv, DVM 10 Bild 23-61-17/CC BY-SA 3.0)

Die entscheidenden Weichenstellungen um die Jahreswende 1916/17

Das Jahr 1915 hatte mit einem Punktesieg der Mittelmächte geendet, das Jahr 1916 mit einem Patt. Alle kriegführenden Nationen hatten schwere Krisen durchgemacht - und waren noch einmal davongekommen. Aber eine wirkliche Lösung zeichnete sich nirgendwo ab. Alle waren sich einig: So konnte es nicht weitergehen. Allein schon die Verluste an Mannschaften waren auf die Dauer nicht länger auszuhalten.

Irgendwann im Jahre 1917 würde das letzte Marschbataillon zum Einsatz kommen; dann würden die Armeen zu schrumpfen beginnen. Die Bedeutung der modernen Waffen nahm zu: Die Zahl der Maschinengewehre verzehnfachte sich zwischen 1914 und 1918 bei den Österreichern und verzwanzigfachte sich bei den Deutschen. Doch die Zahl der „Feuergewehre“ und damit der Infanteristen an der Front nahm ab. Deutsche und Franzosen begannen 1916/17 schon vorsorglich ihre Divisionen von vier auf drei Regimenter zu reduzieren. 

Aus dem tristen Befund dieses Zermürbungskrieges konnte man zwei ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen ableiten: Entweder man musste noch eine letzte, verzweifelte Anstrengung unternehmen, um das Kriegsglück doch noch zu wenden und einen wirklich entscheidenden Erfolg zu erzielen - oder man musste so bald wie möglich Frieden schließen, bevor der innere Zusammenbruch drohte.

Hindenburg und Ludendorff, die inzwischen die deutsche Oberste Heeresleitung übernommen hatten, entschieden sich genauso wie die Engländer unter ihrem neuen Premierminister David Lloyd George für die erste Variante, das Vertrauen auf den „knock-out blow“; die Österreicher, Franz Josephs Nachfolger Kaiser Karl und sein Außenminister Graf Ottokar Czernin, setzten auf eine Friedensinitiative. Über seine Schwäger, die Prinzen Sixtus und Xavier von Bourbon-Parma, die Brüder seiner Frau, die in der belgischen Armee dienten, wollte Karl einen direkten Draht zur Gegenseite finden.

Doch an einem wirklichen Verständigungsfrieden „ohne Sieger und Besiegte“ war außer ihnen kaum jemand wirklich interessiert. Alle beteiligten Großmächte versuchten bloß, einen Partner aus der gegnerischen Allianz herauszubrechen, um danach ein umso leichteres Spiel zu haben.

Der deutsche Kaiser Wilhelm (re.) im Gespräch mit dem Generalstabschef der k.u.k. Armee, Franz Conrad von Hötzendorf (li.). (Foto: HGM)
Der deutsche Kaiser Wilhelm (re.) im Gespräch mit dem Generalstabschef der k.u.k. Armee, Franz Conrad von Hötzendorf (li.). (Foto: HGM)

Als verhängnisvoller Irrtum stellte sich der deutsche Versuch heraus, mithilfe des uneingeschränkten U-Boot-Krieges die Engländer in die Knie zu zwingen, die noch viel mehr als die Mittelmächte auf Lebensmittelimporte angewiesen waren. Die U-Boote sollten ab 1. Februar 1917 im Seegebiet um England alle Schiffe (auch neutrale) ohne vorherige Warnung versenken dürfen. Doch die Berechnungen der deutschen Kriegsmarine, dass die Engländer kapitulieren müssten, sobald die U-Boote monatlich 600 000 Tonnen an Schiffsraum versenkten, erwiesen sich als falsch. Man konnte argumentieren, der rücksichtslose deutsche U-Boot-Krieg sei bloß eine Reaktion auf die - völkerrechtlich ebenso umstrittene - britische Blockade.

Doch als entscheidend erwies sich, dass die deutschen Planer die Flexibilität der Wirtschaft unterschätzt hatten. Die U-Boote erzielten im Frühjahr 1917 phänomenale Erfolge: Pro Tag wurden im April rund ein Dutzend Schiffe versenkt; aber selbst diese Verluste reichten immer noch nicht aus, um England tatsächlich zum Frieden zu zwingen. Dafür traten als Reaktion auf den U-Boot-Krieg die USA am 6. April in den Krieg gegen die Mittelmächte ein. 

Rückblickend stellte sich heraus, dass die Deutschen mit ihrer Strategie des „Alles oder Nichts“ die Engländer vor dem Bankrott gerettet hatten. Denn im November 1916 hatte die amerikanische Notenbank, die Federal Reserve, ein Rundschreiben erlassen, das alle US-Banken davor warnen sollte, weiterhin englische Schatzscheine zu kaufen. Ohne solche Kredite wären die Engländer ab April 1917 jedoch nicht mehr in der Lage gewesen, weiter wie bisher in Amerika einzukaufen. Doch der deutsche Entschluss für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg öffnete ihnen den amerikanischen Finanzmarkt und befreite sie aus dieser Klemme. Hätten die Deutschen mit ihrer Entscheidung nur ein wenig zugewartet, hätten sich ganz andere Perspektiven ergeben. Denn Russland wurde 1917 von der Revolution erfasst. Zunächst von der sogenannten Februarrevolution (Ausbruch 23. Februar; nach unserem Kalender am 8. März), die zum Sturz des Zaren führte. Damit begann in Russland eine Doppelherrschaft - die Macht war geteilt zwischen der bürgerlichen Regierung, die den Krieg weiterführen wollte, und den revolutionären „Sowjets“, den Arbeiter- und Soldatenräten, die Frieden machen wollten, Frieden um beinahe jeden Preis. 

Die deutsche Oberste Heeresleitung schürte das Feuer, als sie Lenin, den Führer der russischen Sozialisten, in einem plombierten Zug von der Schweiz in die Heimat befördern ließ. Lenins Anhänger waren als „Bolschewiken“ bekannt, was nichts anderes hieß als „Mehrheitsfraktion“, nämlich die Mehrheit auf einem Parteitag der russischen Sozialisten in der Vorkriegszeit. Nach einem ersten vergeblichen Putschversuch im Sommer übernahm Lenin am 7. November („Oktoberrevolution“) doch noch die Macht in St. Petersburg. Die „Diktatur des Proletariats“ hatte begonnen. Ein paar Wochen später bot Lenin den Mittelmächten einen Waffenstillstand an. Der Zweifrontenkrieg war zu Ende, der Krieg für die Mittelmächte gewonnen - wenn, ja wenn nicht die USA mit ihren überwältigenden Ressourcen inzwischen in den Krieg eingetreten wären. 

Das Jahr 1918 entwickelte sich deshalb zu einem militärischen Wettlauf: Konnten die Deutschen genügend Truppen aus dem Osten abziehen, um im Westen einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen, bevor die Amerikaner mit Millionen frischer Soldaten in Europa auftauchten?

Lenin (Mitte links) mit Mitstreitern auf dem Roten Platz in Moskau 1919. (Foto: Smirnov/gemeinfrei)
Lenin (Mitte links) mit Mitstreitern auf dem Roten Platz in Moskau 1919. (Foto: Smirnov/gemeinfrei)
Der 'neue' Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn war der letzte Herrscher der Habsburgerdynastie. (Foto: Wenzl Weiß/gemeinfrei)
Der 'neue' Kaiser Karl I. von Österreich-Ungarn war der letzte Herrscher der Habsburgerdynastie. (Foto: Wenzl Weiß/gemeinfrei)
Der 'alte' Kaiser Franz Joseph I. saß noch bis wenige Stunden vor seinem Tod hinter dem Schreibtisch. (Foto: HGM)
Der 'alte' Kaiser Franz Joseph I. saß noch bis wenige Stunden vor seinem Tod hinter dem Schreibtisch. (Foto: HGM)

Kaiser Karl und die Innenpolitik der Habsburgermonarchie 1917

Auch innenpolitisch waren die Fronten seit dem Tod Kaiser Franz Josephs in Bewegung geraten. Österreich war seit 1914 durch kaiserliche Notverordnungen regiert worden - ohne parlamentarische Kontrolle. Im Oktober 1916, rund einen Monat vor dem Tod des alten Kaisers, war der österreichische Ministerpräsident Graf Karl Stürgkh beim Mittagessen in einem Hotel in der Kärntner Straße erschossen worden, pikanterweise von Friedrich Adler, dem Sohn des sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Viktor Adler. Das Attentat des jungen Adler war als Protest gegen den „Kriegsabsolutismus“ gedacht, aber auch als Protest gegen die seiner Meinung nach schwächliche Politik seines Vaters und der eigenen Partei. 

Der junge, erst 30-jährige Kaiser Karl wollte das österreichische Parlament, den Reichsrat, wieder einberufen, der seit dem Frühjahr 1914 nicht mehr getagt hatte. Die Frage war: Sollte er vorher noch die Verfassung revidieren, durch einen „Staatsstreich von oben“, z. B. im Sinne der austro-polnischen Lösung oder der Autonomie für die Sudetendeutschen in Böhmen? Kaiser Karl und Czernin entschieden sich zuerst für eine solche Vorgangsweise (das so genannte „Oktroi“) und sattelten dann im April 1917 plötzlich um.

Der Reichsrat wurde für den 31. Mai 1917 einberufen, ohne vorher etwas an der Verfassung zu ändern. Darüber waren die Deutschösterreicher empört, aber sie schluckten ihren Groll hinunter; die Tschechen waren erleichtert, aber weit davon entfernt, die Regierung deshalb zu unterstützen. Für die politischen Eliten fast aller Nationalitäten der Habsburgermonarchie galt: Man wusste schließlich nicht, wie der Krieg ausgehen würde, 1917 noch weniger als zuvor. Deshalb kam es darauf an, sich nicht frühzeitig festzulegen, sondern eine Politik der „zwei Eisen im Feuer“ zu verfolgen, um auf alle Fälle aufseiten der Sieger zu stehen, wie immer der Krieg auch ausgehen sollte.

Die Tschechen - und die Südslawen - in Österreich hielten sich daher wohlweislich zurück: Sie erklärten sich weder für die Wiener Regierung noch für die Vertreter des Exils, die offen für die Loslösung von der Monarchie eintraten und deshalb die Entente unterstützten, wie z. B. der Abgeordnete und spätere tschechoslowakische Präsident Tomáš G. Masaryk.

Der ungarische Ministerpräsident István Tisza (links, am Stock gestützt). (Foto: HGM)
Der ungarische Ministerpräsident István Tisza (links, am Stock gestützt). (Foto: HGM)

Im österreichischen Reichsrat saßen Vertreter von nicht weniger als neun „Nationalitäten“ (der Größenordnung nach: Deutsche, Tschechen, Polen, Ukrainer, Slowenen, Italiener, Kroaten, Rumänen und Serben). Es gab keine klaren Mehrheiten. Der neue Ministerpräsident Ernst v. Seidler musste sich erst eine Mehrheit suchen. Sobald die Deutschösterreicher für die Regierung eintraten und die Tschechen und Südslawen in der Opposition verharrten, waren die Polen einmal mehr das Zünglein an der Waage.

Die kaiserliche Regierung hatte ihnen die austro-polnische Lösung versprochen, die Wiedervereinigung Polens unter der Führung des Hauses Habsburg - und nichts davon gehalten. Zwar haben die Mittelmächte am 5. November 1916 vollmundig die Unabhängigkeit des ehemals russischen Polen ausgerufen - aber es war bei einem Lippenbekenntnis geblieben. Die Generale hatten sich von dieser Proklamation eine elektrisierende Wirkung versprochen: Hunderttausende Freiwillige für den Krieg gegen Russland. Doch die Polen reagierten mit einer einleuchtenden Parole: Ohne wirklich eigenen Staat auch keine Armee für die Mittelmächte. 

Die österreichischen Polen entwickelten sich 1917 zu einer sehr effektiven Lobby für ihre Landsleute im benachbarten „unabhängigen“ Polen. Sie machten ihr Verhalten im Reichsrat von der Politik der Mittelmächte gegenüber Warschau abhängig. So kam es im Herbst 1917 schließlich doch zur Schaffung einer polnischen Regierung in Warschau. Die russische Revolution schuf auch hier neue Maßstäbe: Einerseits trieb die Angst vor den „Bolschewiken“ einen großen Teil der katholischen Polen in die Arme der Mittelmächte; andererseits erklärten sich jetzt auch die Westmächte für ein unabhängiges Polen, sobald sie nicht mehr Rücksicht auf Russland nehmen mussten. Mitten im Kriege war das plötzlich ein Punkt, über den auf beiden Seiten prinzipiell Einigkeit herrschte. Offen blieb freilich weiterhin, ob das neue Polen ein Verbündeter Deutschlands oder Frankreichs sein würde, ob es einen habsburgischen Herrscher bekommen - oder eine unabhängige Republik werden sollte?

Einen Regierungswechsel hatte Kaiser (in diesem Fall: König) Karl I. (IV.) auch in Ungarn angepeilt. Die ungarische Reichshälfte war zum Unterschied von Österreich auch im Krieg immer parlamentarisch regiert worden, von Premierminister Graf István Tisza mit eiserner Hand, aber auch mit einer soliden Mehrheit im Parlament. Tisza war der dominierende Staatsmann in den letzten Jahren der Monarchie, ein harter Verhandler, aber auch ein verlässlicher Partner. Czernin schrieb über ihn: Er war „treu wie Gold; ihm imponierte nichts und niemand“. 

Freilich: Das ungarische Parlament wurde nach wie vor nach dem Zensuswahlrecht gewählt, das heißt: Wählen durfte nur, wer eine bestimmte Steuerleistung nachweisen konnte. Diese Regelung wirkte sich vor allem zulasten der nationalen Minderheiten aus, der Rumänen und Slowaken, die im Parlament kaum vertreten waren. Karl wollte deshalb Reformen in Angriff nehmen; Tisza weigerte sich, auf diese Wünsche einzugehen und wurde im Mai 1917 entlassen.

Doch die von Karl eingesetzte neue ungarische Regierung war weder Fisch noch Fleisch. Sie hatte keine Mehrheit im Parlament, konnte deshalb nichts von ihrem Programm durchsetzen und getraute sich nicht - mitten im Krieg - Neuwahlen auszuschreiben. Gerade weil sie eine schwache Regierung war, musste sie der öffentlichen Meinung nachgeben und war nicht imstande, den Österreichern entgegenzukommen; z. B. bei der Lebensmittelversorgung, wo es dem Agrarland Ungarn besser erging als dem Industrie- und Alpenland Österreich. Die Entlassung Tiszas erwies sich deshalb als zwar nicht wirklich entscheidender Fehler, aber immerhin als ein Fehler.

Russische Kosaken während des Ersten Weltkrieges. (Foto: Autor unbekannt; gemeinfrei)
Russische Kosaken während des Ersten Weltkrieges. (Foto: Autor unbekannt; gemeinfrei)
Zwei amerikanische Soldaten an der Westfront. (Foto: H. D. Dirdwood/gemeinfrei)
Zwei amerikanische Soldaten an der Westfront. (Foto: H. D. Dirdwood/gemeinfrei)
Alliierte Soldaten erheben sich aus ihren Gräben und greifen deutsche Stellungen an der Westfront an. Dieses Foto wurde während eines Trainings aufgenommen. (Foto: Imperial War Museum/gemeinfrei)
Alliierte Soldaten erheben sich aus ihren Gräben und greifen deutsche Stellungen an der Westfront an. Dieses Foto wurde während eines Trainings aufgenommen. (Foto: Imperial War Museum/gemeinfrei)

Ausblick

Während die Innenpolitik 1917/18 wieder zum Leben erwachte, standen zwei entscheidende Fragen im Raum: Ließ sich mit Russland ein Sonderfrieden abschließen - und konnte man danach den Amerikanern erfolgreich Paroli bieten. Die Antwort auf die erste Frage lautete: Ja; die Antwort auf die zweite: Nein. Die Mittelmächte gewannen 1918 den Krieg im Osten - und verloren den Krieg im Westen. 

Damit blieb das Ringen um die Vorherrschaft in Europa zwischen den beiden großen Kontinentalmächten, Deutschland und Russland, unentschieden; die eigentlichen Sieger, die USA, zogen sich nach 1918 im Zeichen des so genannten „Isolationismus“ wieder aus Europa zurück. Österreich-Ungarn aber zerfiel.

Dr. Lothar Höbelt ist Historiker und Professor an der Universität Wien.

 

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