• Veröffentlichungsdatum: 06.02.2019

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Dekontaminationssystem Mammut

Andreas Hämmerle

Deko-System Mammut. (Foto: Andreas Hämmerle/Montage: Rizzardi)
(Foto: Andreas Hämmerle/Montage: Rizzardi)

Das Mammut existiert! Es existiert jedoch nicht in der Form, wie wir uns ein Mammut vorstellen, sondern als ein 36-Tonnen-Dekontaminationssystem (Deko-System). Das Deko-System Mammut ist ein Element aus dem TEP 90 (Truppenentgiftungsplatz 90) der Deutschen Bundeswehr.

Das Deko-System Mammut ist der Nachfolger des sLKWs der mobilen Dekontaminationsgruppe, der seit den 1980er-Jahren seinen Dienst in der ABC-Abwehrtruppe versieht. Kurz nach der Einführung im ÖBH hatte das Mammut durch den Kernkraftwerksunfall in Tschernobyl (Ukraine) schon seine Bewährungsprobe.

Die Fähigkeiten der mobilen Dekontaminationsgruppe (Deko-Grp) sind die

  • Personendekontamination,
  • Waffen- und Gerätedekontamination,
  • Geländedekontamination und die
  • Dekontamination von Infrastruktur.

Eine ganz besondere Fähigkeit kommt dieser Dekontaminationsgruppe zugute. Sie wurde aufgrund ihrer hervorragenden Eigenschaft im Gelände als einzige Deko-Gruppe für eine Dekontamination im kontaminierten Gelände herangezogen, während alle anderen Deko-Gruppen in der reinen (nicht kontaminierten) Zone verbleiben und dort Deko-Plätze errichten und betreiben.

Jedoch hat alles beim Österreichischen Bundesheer ein Ablaufdatum - auch der sLKW. Um die Fähigkeiten der schweren Dekontaminationsgruppe nicht zu verlieren, musste ein geeigneter Ersatz beschafft werden. Für einen Ersatz gab es zwei Möglichkeiten:

  1. Die jeweiligen Firmen und ihre Vertreter einzuladen und sich deren Gerät präsentieren zu lassen. Wobei jede Firma natürlich aus Überzeugung ihr Gerät und ihre dazu gehörende Chemie als das beste darstellt.
  2. Man übt gemeinsam mit den Armeen, die mögliche Geräte eingeführt haben, und lernt diese praktisch kennen.

Im ÖBH entschied man sich für die Variante 2. Mit ABC-Abw-Soldaten der italienischen, der kroatischen und mit Kameraden der deutschen Armee wurde gemeinsam geübt und so ergab sich ein genauer Einblick in deren Systeme. Nachdem sich die Soldaten ein Bild über die gängigen Systeme gemacht hatten, ging es darum, festzustellen, welches der Systeme am besten in das Anforderungskonzept des ÖBH passt. Dabei musste auch die Instandsetzung, Wartung, Versorgung und Logistik bedacht werden.

Nachdem alle nötigen Details und Fragen erarbeitet wurden, fiel die Wahl auf das Dekontaminationssystem des TEP 90 der Deutschen Bundeswehr Dieses passt bis auf wenige Kleinigkeiten in das derzeitige und zukünftige Anforderungskonzept des ÖBH.

Dekontamination von oben mittels Ladekran und Arbeitskorb. (Foto: ÖBH/Hämmerle)
Dekontamination von oben mittels Ladekran und Arbeitskorb. (Foto: ÖBH/Hämmerle)

TEP 90

Der TEP 90 besteht aus einem gehärteten Trägerfahrzeug der Marke IVECO Trakker, einem Ladekran PK 27002 und einem Dekontaminationssystem mit vier unterschiedlichen Modulen. Elf dieser Dekontaminationssysteme wurden vom ÖBH beschafft.

Bevor sie der Truppe zugeführt werden konnten, wurde bei allen Systemen eine Generalüberholung und Klarstandsanpassung durch den Hersteller durchgeführt. Nachdem das ÖBH nur die Systeme, nicht aber das Trägerfahrzeug beschafft hatte, musste im Vorfeld ein eigenes Fahrzeug konzipiert und eingeführt werden. Die Wahl fiel auf acht Stück ungehärtete MAN TGS 38480 8x8 und zwei gehärtete MAN HX2 44480 8x8 für die KIOP/KPE-Teile.

Zusätzlich bekam jedes Fahrzeug einen stärkeren Ladekran (PK 33002) und größere Staufächer, als der TEP 90 aufweist. Aufgebaut wurden der Kran, die Trägerplattform für die unterschiedlichen Module, die Staukästen für den Arbeitskorb und diverses Equipment durch eine österreichische Firma in Tirol.

MODUL 1

Das Modul 1 ist ein 10-Zoll-Container, der auf dem Trägerfahrzeug verbleibt und von dem aus die Dekontamination betrieben wird. trieben wird. Die Fähigkeiten des Moduls sind die Dekontamination von

  • militärischen Groß- und Kleinfahrzeugen und GKGF,
  • Schienenfahrzeugen,
  • Luftfahrzeugen,
  • Geländeteilen,
  • Infrastruktur und
  • von zivilen Groß- und Kleinfahrzeugen nach einem Einsatz von ABC-Gefahr- und Kampfstoffen.
Das gehärtete Trägerfahrzeug der Marke MAN. (Foto: ÖBH/Hämmerle)
Das gehärtete Trägerfahrzeug der Marke MAN.
(Foto: ÖBH/Hämmerle)

Weiters ist es möglich, eine kurzfristige Trinkwasserversorgung sicherzustellen, da das Modul 1 über einen Trinkwassertank     (1 500 Liter) verfügt.

Über dieses Modul werden in Verbindung mit der Unterbodendekontaminations-Einheit die Dekontaminationslösungen von unten, mit dem Arbeitskorb von oben und mit weiteren Dekontaminations-Austragungslanzen seitlich auf die Fahrzeuge aufgebracht. Nach der geforderten Einwirkzeit der Deko-Chemie werden sie auch mit diesen Lanzen wieder entfernt.

Umweltschutzbedingt werden alle bei der Dekontamination erzeugten Abwässer aufgefangen und entsorgt. Dazu wird eine Dekontaminationswanne aufgebaut, die an die zu dekontaminierenden Fahrzeuge angepasst wird. Das Abwasser wird während der Dekontamination in Behälter gepumpt und danach entsorgt.

Diese Dekontaminations-Auffangwanne wird auch für die Dekontamination von Schienenfahrzeugen auf den Schienen aufgebaut. So kann das dabei anfallende Abwasser aufgefangen und entsorgt werden.

MODUL 2

Modul 2 ist ein 6-Zoll-Container und wird für das Betreiben vom Trägerfahrzeug mittels Ladekran (PK 33002) abgeladen. Mit diesem Modul erlangen die Dekontaminationskräfte in Österreich Fähigkeiten, die sie noch nicht hatten. Bisher konnten Bekleidung und Ausrüstungsgegenstände sowie sensible Ausrüstung (Funkgeräte, IT-Geräte) nur einer Nassdekontamination bzw. einer thermischen Dekontamination zugeführt werden. Das bedeutete für dieses Gerät, dass es zwar dekontaminiert war, jedoch in vielen Fällen durch das Wasser unbrauchbar wurde.

Vakuumkammer

Mit der Vakuumkammer kann durch Vakuum und Hitze jede Art von sensiblem Gerät (Funkgeräte, Notebooks etc.) im B/C-Fall dekontaminiert werden.

Nassplattform

Mit der Nassplattform können Ausrüstungsgegenstände und das dazu gehörende Gerät im A-Fall dekontaminiert werden.

Unterbodendekontamination an einem „Pinzgauer“. (Foto: ÖBH/Papst)
Unterbodendekontamination an einem „Pinzgauer“. (Foto: ÖBH/Papst)

Vakuumkammer des Mammuts. (Foto: ÖBH/Hämmerle)
Vakuumkammer des Mammuts. (Foto: ÖBH/Hämmerle)

MODUL 3

Das Modul 3 ist ein 4-Zoll-Container, der ebenfalls für das Betreiben vom Trägerfahrzeug mittels des Ladekranes abgeladen wird. Die Module 3 und 2 werden gemeinsam für die Dekontamination von Personen verwendet.

Das Modul 3 verfügt über das Equipment, das für das Errichten und Betreiben eines Personendekontaminationsplatzes im ABC-Fall benötigt wird. Dazu gehören: - ein aufblasbares Anziehzelt; - ein thermoelektrisches Energiemodul (für Warmwasser und zur Klimatisierung und Heizung des Anziehzeltes); - ein 600 Liter Trinkwassertank für die Dekontamination von Personen und - eine Duschplattform für zwei Personen mit einer integrierten Abwasserpumpe, die das Wasser aus dem Duschbereich in einen Abwassertank pumpt.

Um das Deko-Verfahren weiter durchführen zu können, wird zusätzliches Equipment (aufblasbares Ausziehzelt etc.) benötigt, das im Modul 3 keinen Platz findet. Dieses Equipment muss auf einem zusätzlichen Transportfahrzeug mitgeführt werden.

Das 36 Tonnen schwere "Mammut" bewältigt einen gleichzeitigen Einsatz von Personendekontamination sowie Waffen- und Gerätedekontamination. (Foto: ÖBH/Pusch)
Das 36 Tonnen schwere "Mammut" bewältigt einen gleichzeitigen Einsatz von Personendekontamination sowie Waffen- und Gerätedekontamination. (Foto: ÖBH/Pusch)

MODUL 4

Das Modul 4 ist ein auf Kette fahrender 750 kg schwerer Nass-Trockensauger mit einem Thermalnebelgerät (Swingfog). Dieses Modul wird bei der Deutschen Bundeswehr für die Innenraumdekontamination von Luftfahrzeugen verwendet. Mit dem Nass-Trockensauger wird die Dekontaminationslösung mittels Sprüh­extraktionsverfahren auf eine kontaminierte glatte Fläche aufgebracht und sofort wieder abgesaugt und in einem eingebauten Abwassertank bis zur Entleerung gelagert.

Mittels des Swingfogs können flüs­sige Desinfektionsmittel für die Schäd­lingsbekämpfung z. B. in Lagerhallen oder Containern als Heißnebel ausgebracht werden. Da die Dekontaminationschemie eine Einwirkzeit von bis zu 20 min benötigt, findet das Modul 4 keine Verwendung im Dekontaminationsbereich. Einzig der Swingfog wird für die Entseuchung und Entwesung (Vektorenkontrolle/Schädlingsbekämpfung) verwendet.

Modul 4 mit angebrachtem Swingfog. (Foto: ÖBH/Hämmerle)
Modul 4 mit angebrachtem Swingfog. (Foto: ÖBH/Hämmerle)

Vizeleutnant Andreas Hämmerle ist Hauptlehr­unteroffizier für Dekontamination im Kommando ABCAbw&ABCAbwS.

 

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