• Veröffentlichungsdatum: 27.07.2018
  • – Letztes Update: 08.12.2018

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Das Erbe des Ersten Weltkrieges

Gerold Keusch

(Foto: Archiv Dolomitenfreunde)
(Foto: Archiv Dolomitenfreunde)

Das EU-Projekt „Networld“ thematisiert das baukulturelle Erbe des Ersten Weltkrieges in der Donauregion. Auch Österreich beteiligt sich an diesem Projekt, das einen neuen Blickwinkel auf die heimische Geschichte erlaubt. Schließlich zeugen viele Stätten davon, dass auch der österreichische Donauraum - obwohl er weit von der Front entfernt war - Spuren des Krieges aufweist.

Der Erste Weltkrieg markierte das Ende der Monarchien in Mittel- und Osteuropa. Vielvölkerstaaten brachen auseinander und eine Vielzahl von Kleinstaaten auf nationaler Basis entstanden. Die Transformation der Europäischen Gemeinschaft zur Europäischen Union im Jahre 1993, also 75 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, bedeutete die Gründung eines Staatenbundes, der diese Kleinstaaten auf europäischer Ebene in vielerlei Hinsicht wieder vereint. Da das Zusammenwachsen jedoch ein mitunter langwieriger Prozess ist, hat die EU Projekte ins Leben gerufen, um diese zu beschleunigen und bei denen die Zusammenarbeit zwischen Nationalstaaten gefördert werden soll. Eines dieser Projekte ist „Networld“, das den Ersten Weltkrieg - jenes Ereignis, das die Hauptursache für die einstige Teilung des Kontinentes ist - thematisiert.

Das Projekt

Der Wiener "Wehrmann in Eisen" beim Amtshaus gegenüber vom Rathaus an der Ecke Felderstraße–Ebendorferstraße. (Foto: Thomas Ledl; CC BY-SA 3.0)
Der Wiener "Wehrmann in Eisen" beim Amtshaus gegenüber vom Rathaus an der Ecke Felderstraße–Ebendorferstraße. (Foto: Thomas Ledl; CC BY-SA 3.0)
Das „Kriegsnagelungs-Wehrtor“, die Rathaustüre der Stadtgemeinde Melk. (Foto: Julia Walleczek-Fritz)
Das „Kriegsnagelungs-Wehrtor“, die Rathaustüre der Stadtgemeinde Melk. (Foto: Julia Walleczek-Fritz)

„Networld“ ist ein von der EU initiiertes Projekt, an dem neun Länder des Donauraumes mit 14 Projektpartnern beteiligt sind und hat eine Laufzeit vom 1. Jänner 2017 bis zum 30. Juni 2019. Es verfolgt das Ziel, das baukulturelle Erbe des Ersten Weltkriegs zu erhalten, dieses kulturtouristisch zu nutzen und dadurch Impulse für die Regionalentwicklung zu setzen. In Österreich sind die Projektpartner eine Wiener Consultingfirma und die Donau-Universität-Krems, wobei das Vorhaben beim Department für Bauen und Umwelt/Zentrum für Kulturgüterschutz angesiedelt ist und von Mag. Dr. Julia Walleczek-Fritz geleitet wird.

Das Projekt „Networld“ ist ein Teil des „Danube Transnational Programme“ der EU, das als Finanzierungsinstrument Geld für überregionale Projekte zur Verfügung stellt, die das Zusammenwachsen innerhalb der EU beschleunigen sollen. Diese Vorhaben verfolgen einen breiten gesellschaftlichen Ansatz. Konkret steht die Philosophie eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Geschichte, dem Erbe und der Kultur sowie der Umwelt und der Nutzung von Ressourcen der Länder der Donauregion im Mittelpunkt der Bemühungen.

In einem ersten konkreten Bearbeitungsschritt wurden jene relevanten Stätten, die in Österreich und den neun Partnerländern mit dem Ersten Weltkrieg in Verbindung stehen, erfasst und in einer Datenbank gespeichert. Beispiele für solche Stätten sind

  • Überreste von Stellungssystemen,
  • militärisch genutzte Gebäude wie ehemalige Kasernen, aber auch
  • Kriegsgefangenen- oder Flüchtlingslager,
  • Gedenkstätten,
  • Kriegsnagelungsobjekte,
  • Soldatenfriedhöfe und
  • sonstige, für das Projekt relevante, Gebäude.

Datenbank-Website

In einem nächsten Schritt wurde diese Datenbank „World War One Sites – The Networld Database“ öffentlich zugänglich gemacht, was mit dem Onlinegang im Juli des Gedenkjahres 2018 geschah. Auf der Website ww1sites.eu können die erhobenen und aufbereiteten Daten in Englisch wie auch in den Landessprachen der Projektpartner abgerufen werden. Das bedeutet, dass die Informationen hinsichtlich dem baulichen und kulturhistorischen Erbe nun abgestützt auf neue Medien für alle interessierten Personen zur Verfügung stehen. Wie diese Informationen genutzt werden, bleibt jedem selbst überlassen. Von der Nachlese im Internet über die Geschichte und den Hintergrund einer Stätte bis zu deren Besuch oder als Grundlage und Ergänzungen für wissenschaftliche Arbeiten stehen alle Möglichkeiten offen. 

Beispiele für Orte, die in dieser Datenbank betrachtet werden, sind unter anderem 

  • der Brückenkopf in Krems,
  • die Kriegsgefangenenlager in Wieselburg, Purgstall, Amstetten und Marchtrenk,
  • die Straßensperre Nauders,
  • die Gedenkstätte des ehemaligen Flüchtlingslagers Bruck an der Leitha,
  • die Rathaustür in Melk, ein „Kriegsnagelungs-Wehrtor“ oder
  • das Schloss Artstetten.

Die Website erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wird ständig erweitert. Die Mithilfe bzw. Informationen über Baudenkmäler und sonstige Inhalte, die noch nicht online erfasst wurden, ist seitens der Projektleitung erwünscht und die Voraussetzung für eine möglichst vollständige Datenbank.

Innenansicht der Gipfelstellung der MG-Nase beim "Freilichtmuseum des Gebirgskrieges 1915 - 1917 Plöckenpass". (Foto: Archiv Dolomitenfreunde)
Innenansicht der Gipfelstellung der MG-Nase beim "Freilichtmuseum des Gebirgskrieges 1915 - 1917 Plöckenpass". (Foto: Archiv Dolomitenfreunde)
Der Wasserturm des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Marchtrenk. (Foto: TRUPPENDIENST/Michael Barthou)
Der Wasserturm des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Marchtrenk. (Foto: TRUPPENDIENST/Michael Barthou)
Das Schloss Artstetten, die Grabstätte von Thronfolger Franz Ferdinand, dessen Ermordung als Initialzündung des Ersten Weltkrieges gilt. (Foto: TRUPPENDIENST/Gerold Keusch)
Das Schloss Artstetten, die Grabstätte von Thronfolger Franz Ferdinand, dessen Ermordung als Initialzündung des Ersten Weltkrieges gilt. (Foto: TRUPPENDIENST/Gerold Keusch)

„Walk of Peace“

Um den Besuch der Stätten des Ersten Weltkrieges zu erleichtern, werden in einem nächsten Schritt Tourismus-Routen entwickelt, die unter der Marke „Walk of Peace“/Friedenswege gemeinsam zusammengefasst und kommuniziert werden sollen. Auch hier soll das baukulturelle Erbe für den Tourismus, aber auch für Bildungsmaßnahmen genutzt werden und auf neue Medien, wie Applikationen für Mobile Devices, abgestützt sein. Der Bildungsaspekt soll in jedem Land durch zusätzliche (Friedens-) Bildungsaktivitäten beispielsweise in Form von Ausstellungen, Veranstaltungen, Workshops etc. verstärkt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Kooperation zwischen dem Department für Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems und dem MAMUZ Museum in Asparn/Zaya im Rahmen der heurigen MAMUZ Sonderausstellung „Konflikten auf der Spur - Von der Steinzeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs“ zu nennen. Diese widmet sich im Gedenk- und Kulturerbejahr 2018 den Konfliktsituationen der letzten 7.000 Jahre und fragt nach der Zeitlosigkeit von Konflikten und deren Auswirkungen und will damit das Bewusstsein für dessen (bauliche) Überreste schaffen.

Die Idee, Geschichte in Form von Friedenswegen begeh- und erfahrbar zu machen ist nicht neu. Sie wurde in Österreich bereits in den 1970er Jahren vom Verein Dolomitenfreunde mit dem Ziel initiiert, ehemalige Frontsteige des Ersten Weltkriegs begehbar zu machen und so das Erbe des Krieges zu bewahren. Dieser Ansatz wird nun auch bei „Networld“ aufgegriffen und soll mit dem „Walk of Peace“ im gesamten Donauraum umgesetzt werden. Das ist auch als Zeichen zu verstehen, dass mit dem Projekt, nicht nur an eine kriegerische und entbehrungsreiche Zeit erinnert wird, sondern „Networld“ vor allem ein Aufruf ist, den Frieden zu sichern und Kriege zu vermeiden.

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Links:

Offizielle Projekt-Website

World War One Sites - The Networld Database

Verein Dolomitenfreunde

Weg des Friedens in Purgstall 

Schloss Artstetten 

Brückenkopf Krems 

MAMUZ Museumszentrum, Mistelbach und Asparn/Zaya

 

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