• Veröffentlichungsdatum: 30.08.2018
  • – Letztes Update: 13.09.2018

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Das entscheidende Gelände der Raumverteidigung 1

Gerold Keusch, Rudolf Halbartschlager

Teil 1: Taktische Überlegungen und Ausbau der Schlüsselzone 35

(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Der Kalte Krieg und die Raumverteidigung sind mittlerweile ein zeitgeschichtliches Thema. Das erkennt man auch daran, dass kaum noch jemand weiß, wie dieses Verteidigungskonzept aussah. Somit ist weitgehend unbekannt, welche Überlegungen und Anstrengungen damals angestellt wurden, um Österreich aus einem möglichen Krieg zwischen den beiden damaligen Machtblöcken herauszuhalten.

Das Ziel der Raumverteidigung war es nicht, einen Krieg zu gewinnen. Vielmehr wollte man glaubhaft vermitteln, dass das Österreichische Bundesheer (ÖBH) und somit die Republik Österreich alle Anstrengungen unternimmt, um sich aus dem Ost-West-Konflikt herauszuhalten und die Neutralität ernst nimmt. Ein Vorbild für die Raumverteidigung war die Schweizer Verteidigungsdoktrin, die auf der Grundaussage beruht: „Vermeide die Schlacht, die du nicht gewinnen kannst!“

(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Das Konzept der Raumverteidigung basierte auf den Säulen „Abschreckung und Abnutzung“. Das sollte erreicht werden, indem das ÖBH in der Lage gewesen wäre, angreifenden Kräften massive Verluste zuzufügen und diese effektiv zu verzögern. Dadurch sollte der Marsch durch österreichisches Territorium aufgrund der zu erwarteten Zeitdauer unattraktiv werden. Somit wäre auch der operative Vorteil, den ein Vorstoß in das militärische Vakuum des süddeutschen Raumes, durch einen schwach verteidigten Staat gebracht hätte, nicht mehr gegeben gewesen. Ein Ziel der Raumverteidigung war es demnach einem Aggressor bereits im Vorhinein klarzumachen, dass er sowohl einen hohen „Eintritts-“ als auch einen hohen „Aufenthaltspreis“ zu zahlen hätte, wenn er österreichisches Territorium betreten hätte und er diese Option deshalb verwerfen sollte.

Nach außen sollte das folgende Signal gesendet werden: Ein Angriff auf Österreich ist sinnlos, denn wir sind neutral und werden uns aus allen bewaffneten Konflikten heraushalten. Da wir unsere Neutralität als eine bewaffnete verstehen, werden wir die Nutzung des österreichischen Territoriums mit allen Mitteln verhindern. Sollten wir nicht stark genug sein, um einen Krieg zu gewinnen, werden wir einem Aggressor dennoch derartig hohe Verluste zufügen, dass eine Nutzung Österreichs für ihn keinen Sinn machen würde.

Kampf in und mit der Bevölkerung

Die Basis für das Konzept der Raumverteidigung war die Milizstruktur des ÖBH, die im Prinzip die Bewaffnung der Bevölkerung bedeutete. Eine Milizstruktur hat den Vorteil, dass eine Armee über eine relativ große Anzahl von Soldaten - wenn auch erst nach einer Mobilmachung - verfügt, ohne diese ständig bezahlen zu müssen. Das wäre aber nicht der einzige Vorteil gewesen, da die Milizsoldaten in ihrer unmittelbaren Heimat zum Einsatz kommen sollten. Diese hätten sie sehr gut gekannt, was dazu führen sollte, abgestützt auf die Infrastruktur und die Hilfe der Bevölkerung, den Kampf gegen einen Gegner zu führen, was auch als „Fisch im Wasser-Doktrin“ verstanden werden kann.

Durch diese Überlegungen war ebenfalls die Bevölkerung vor Ort in das Raumverteidigungskonzept miteinbezogen, die das ÖBH auch bei der Versorgung (mit Verpflegung bzw. dem Transport) unterstützen sollte. Ein Beispiel dazu ist der Transport von Panzerabwehrkanonen. Diese hätten vom ÖBH bis zu einem Verteilerpunkt transportiert werden sollen, von wo aus sie von den örtlichen Landwirten mit deren Traktoren in die Stellung gezogen werden sollten.

Gefechtspause bei einer Übung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Gefechtspause bei einer Übung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Soldaten des Bundesheeres im Gespräch mit einem Einheimischen. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Soldaten des Bundesheeres im Gespräch mit einem Einheimischen. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Schlüsselzonen nördlich der Alpen

Das Schwergewicht der Raumverteidigung nördlich der Alpen waren drei Schlüsselzonen die, von Ost nach West verlaufend, zwischen den Raumsicherungszonen lagen. Die erste Zone (Schlüsselzone 34) befand sich südlich von Wien am Ostrand der Alpen bzw. des Wiener Waldes sowie der Donauenge bei Klosterneuburg und Korneuburg beidseits der Donau. Die zweite Zone war die Schlüsselzone 35, die südlich des Ybbser Donaubogens begann und bis Scheibbs reichte. Die dritte und letzte Zone (Schlüsselzone 45) lag westlich des Enns-Traun-Donau-Dreieckes, wobei die Traun und das Hügelland westlich des Flusses eine natürliche Barriere bilden, die verstärkt wurden.

Zusätzlich befanden sich eine erste Verteidigungslinie im Burgenland bei der Brucker- und der Eisenstädter-Pforte (Teile der Raumsicherungszonen 11 und 12) an den Engstellen des Leitha- bzw. des Rosaliengebirges. Die Schlüsselzone 41, nördlich von Linz sollte ein Durchstoßen gegnerischer Kräfte vom Mühlviertel zum Donauraum verhindern, die ab diesem Raum ebenfalls von Ost nach West gestoßen wären.

Die Raumsicherungs- und Schlüsselzonen am Ende des Kalten Krieges. (Grafik: Archiv Lampersberger)
Die Raumsicherungs- und Schlüsselzonen am Ende des Kalten Krieges. (Grafik: Archiv Lampersberger)

In den Schlüsselzonen hätte der Kampf, mit einem Mix aus raumgebundenen sowie beweglichen und mechanisierten Kräften, nach dem folgenden Prinzip erfolgen sollen: Die Spitze des angreifenden Gegners sollte zunächst aus bereits im Frieden ausgebauten Stellungen, den Festen Anlagen, abgewehrt werden. Dieser Kampf wäre vermutlich „unentschieden“ ausgegangen. Einerseits wären die angreifenden Kräfte so stark abgenützt worden, dass sie nicht mehr hätten angreifen können, andererseits wäre der Verteidiger so geschwächt gewesen, dass er nicht mehr erfolgversprechend hätte verteidigen können. Daraus folgt, dass derjenige einen Vorteil gehabt hätte, der am raschesten in der Lage sein würde, neue Kräfte für den weiteren Kampf ins Feld zu führen.

Die Schlüsselzonen bestanden nicht aus einer einzelnen Verteidigungslinie. Sie waren vielmehr Räume, in denen viele kleinere Linien hintereinander zur Verteidigung vorbereitet waren und in denen es Lücken für den Gegenangriff bzw. die bewegliche Kampfführung gab. Diese Kombination sollte den Angriffsschwung bremsen und den Schwachpunkt der ortsfesten Verteidigung ausräumen, der z. B. bei der französischen Maginot-Linie im Zweiten Weltkrieg ersichtlich wurde: Wenn es nur eine Verteidigungslinie gibt, ist diese im Gesamten durchbrochen, sobald sie an einer Stelle durchbrochen bzw. umgangen wurde. Dieser Durchbruch gelingt dann, wenn es in der Tiefe keine Stellungen bzw. Kräfte gibt. Deshalb ist eine erfolgversprechende Verteidigung nur in einem Raum möglich der, im gesamten - auch und vor allem in der Tiefe - ausgebaut ist und in dem sich nicht nur stationäre, sondern auch bewegliche Kräfte befinden.

Zu diesem Zweck gab es in den Schlüsselzonen Feste Anlagen mit Panzerabwehrkanonen, bewegliche Panzerabwehrkräfte, starke Infanterieverbände in Form der Jägerbrigaden, Fliegerabwehrkräfte, (ortsfeste) Artillerie sowie vorbereitete Sperren. Vor den Stellungen in den Schlüsselzonen hätte der Gegner nicht nur auf die Sperren auflaufen sollen, seine Kräfte sollten sich auch stauen. Das bedeutete für den Angreifer, dass er in diesem Moment ein relativ leichtes Ziel bot und verwundbar war. Aus diesem Grund sollte in den Stauräumen der Jagdkampf geführt werden, in denen die Kampfformen Hinterhalt, Überfall und Störaktion zum Einsatz gekommen wären.

Ostarrichi-Kaserne: Basis der Schlüsselzone 35

1978 wurden die Landwehrstammregimenter aufgestellt, die als Ausbildungs-, Organisations- und Materialbasis der Raumverteidigung dienten. In diesen wurden sowohl die raumgebundenen als auch die mobilen Teile des ÖBH ausgebildet, um sicherzustellen, dass genug Soldaten für die Einsatzorganisation zur Verfügung stehen. Ein Beispiel für einen solchen Verband war das Landwehrstammregiment 35 (LWSR 35) in Amstetten, dessen Einsatzraum die Schlüsselzone 35 im Dreick Amstetten-Ybbs-Scheibbs war.

Aufgestellt wurde das LWSR 35 zunächst in Spratzern, da es damals noch keine Kaserne in der Schlüsselzone 35 gab. Diese, ursprünglich in Waidhofen/Ybbs geplante Kaserne, wurde 1979 bis 1982, mit den für die damalige Zeit typischen Kreuzbauten im Süden von Amstetten, errichtet. Noch vor der Fertigstellung der Ostarrichi-Kaserne verlegte das LWSR 35 dorthin. Der erste Kommandant war Oberst Rudolf, der kurze Zeit später von Oberst Staribacher abgelöst wurde. Staribacher ist eng mit dem LWSR verbunden. Er war sowohl die treibende Kraft beim Aufbau der Miliz auf der personellen Seite als auch beim Ausbau der Festen Anlagen auf der materiellen Seite.

Die noch nicht fertiggestellte Amstettner Ostarrichi-Kaserne Anfang der 1980er Jahre. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Die noch nicht fertiggestellte Amstettner Ostarrichi-Kaserne Anfang der 1980er Jahre. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Übersichtskarte des Geländes der Schlüsselzone 35. (Grafik: OpenStreetMap; CC BY-SA 2.0)
Übersichtskarte des Geländes der Schlüsselzone 35. (Grafik: OpenStreetMap; CC BY-SA 2.0)

Das Gelände der Schlüsselzone 35

Der Grund, warum sich die Schlüsselzone 35 im Raum Amstetten-Ybbs-Scheibbs befindet, liegt in dessen verteidigungsgünstiger Topografie. Nördlich dieses Raumes befindet sich die Donau und nördlich davon die Böhmische Platte, die im Bereich der Neustadtler Platte auch südlich der Donau reicht. Dieses Gelände ist für mechanisierte Kräfte im militärischen Sinne nicht gangbar, da sie hier ihre Vorteile (Geschwindigkeit und Reichweite) nicht ausspielen können. Südlich der Donau bzw. der Neustadtler Platte befinden sich bis zur ersten Hügelkette des Alpenvorlandes zwei Geländeteile, in denen sich mechanisierte Kräfte von Ost nach West bewegen können und beide in der Tiefe der ehemaligen Schlüsselzone 35 liegen: das nördliche Ybbstal, das sich westlich und östlich der Engstelle Blindenmarkt öffnet, entlang der Autobahn 1, der Bundesstraße 1 und der Westbahn sowie das Kleine Erlauftal entlang der Landesstraße 96.

Nördliches Ybbstal 

Das etwa 20 km lange und etwa 3 km breite Ybbstal, das westlich von Amstetten in das Hügelgebiet der Strengberge mündet, verläuft nach Osten bis Ybbs. Östlich von Blindenmarkt verjüngt sich diese Ebene einmal bei Hubertendorf (dem schmalsten Bereich) und weiter östlich noch einmal bei Kemmelbach auf eine Breite von nur einem Kilometer. Zwischen Hubertendorf und Kemmelbach verläuft südlich der Ybbs eine bewaldete Hügelkette, in der eine Bewegung mit mechanisierten Kräften de facto unmöglich ist. Nördlich des Ybbsfeldes verläuft die hügelige Neustadtler Platte, in der sich mechanisierte Kräfte nur eingeschränkt bewegen können.

Kleines Erlauftal 

Südlich des Ybbstales befindet sich das Kleine Erlauftal, das von Randegg im Südwesten bis Wieselburg im Nordosten verläuft. Bei Steinakirchen öffnet sich das Gelände Richtung Norden und gabelt sich in zwei Bewegungsrichtungen, eine nach Blindenmarkt zur Bundesstraße 1 und eine über Euratsfeld nach Amstetten. Richtung Osten öffnet sich das Gelände auf eine Breite von etwa eineinhalb Kilometer bis nach Wieselburg. Südöstlich von Wolfpassing verläuft bis Purgstall, auf einer Breite von etwa fünf Kilometern, ein hügeliges Gelände. Dort hätten die mechanisierten Kräfte aber aufgrund der Topografie ihre Kampfkraft nicht zur Gänze entfalten können. Darüber hinaus ist dieses Gelände relativ einfach zu sperren und günstig für eine (zeitlich begrenzte) Verteidigung.

(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
(Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Der Ausbau der Schlüsselzone 35

Die Geländeverstärkungen der Schlüsselzone 35 orientierten sich an dem Gelände des Einsatzraumes. Sie befanden sich einerseits am östlichen Rand der Schlüsselzone, um diese nur mit hohen Verlusten „betreten“ zu können und andererseits in der Tiefe des Raumes entlang den Bewegungslinien:

  • Donau mit der Bundesstraße 3;
  • nördliches Ybbstal entlang der Autobahn 1 und der Bundesstraße 1;
  • Erlauftal zwischen Wieselburg und Purgstall entlang der Bundesstraße 25;
  • Kleines Erlauftal entlang der Landesstraße 96;
  • Verbindung zwischen Saffen und Gresten südlich von Purgstall bei der Kreuzung der Bundesstraße 25 mit der Bundesstraße 22.

Zusätzlich wurde das Gelände bei den Verbindungsstraßen zwischen

  • dem Erlauftal und dem Kleinen Erlauftal von Purgstall bis Zarnsdorf, entlang der Landesstraße 6158,
  • dem Kleinen Erlauftal und dem Ybbstal zwischen
    • Steinakirchen und Blindenmarkt entlang der Landesstraßen 89 und 97 sowie
    • Wolfpassing und Neumarkt entlang der Landesstraße 6046 verstärkt. Das bedeutete die Erkundung, Vorbereitung sowie die teilweise Errichtung von Sperren und Festen Anlagen in diesen Räumen.

Der Bau der Festen Anlagen in der Schlüsselzone 35 begann bereits vor der Gründung der Garnison Amstetten und somit vor dem Baubeginn der Ostarrichi-Kaserne. Diese Anlagen waren das Rückgrat der Geländeverstärkungen und wurden entlang der allgemeinen Stoßrichtung errichtet, wobei auch die Bundesstraße 3 nördlich der Donau in die Verteidigungsüberlegungen des Raumes miteinbezogen wurde. Die meisten Anlagen befanden sich zwischen Ybbs und Purgstall. Sie sollten einen Stoß entlang der Bundesstraße oder eine mögliche Umfassung entlang des Erlauftales bzw. des Kleinen Erlauftales verhindern.

Ein Panzerturm einer Festen Anlage feuert eine Granate ab. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Ein Panzerturm einer Festen Anlage feuert eine Granate ab. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)

Feste Anlagen

Eine Feste Anlage bestand aus einem Bunker, der Platz für eine Gruppe bot und auf dem sich ein Panzerturm befand. Zu diesem Zweck wurden britische Jagdpanzer „Charioteer“ oder britische Kampfpanzer „Centurion“ der britischen Rheinarmee angekauft. Deren Türme wurden aus der Wanne gehoben und in die Bunker eingebaut. Der „Charioteer“ hatte zu Beginn seiner Verwendung ein Rohr mit einem Kaliber von 8,4 cm, das später gegen ein Rohr vom Kaliber 10,5 cm getauscht wurde. Damit sollte die Durchschlagskraft erhöht werden. Die Hauptbewaffnung der Festen Anlagen in der Schlüsselzone 35 waren „Centurion“-Panzertürme mit einem Kaliber von 10,5 cm, die auch über eine moderne und effiziente Pfeilmunition zur Bekämpfung gegnerischer Panzer verfügten.

Neben den Festen Anlagen mit Panzertürmen gab es Feste Anlagen für die Artillerie. Diese waren mit US-Geschützen „Long Tom“ mit einem Kaliber von 15,5 cm bestückt, die dort eingebaut waren. Diese sollten aus Scharten der Bunker in einen festgelegten Raum feuern und wären in den Bunkern vor dem Gegenfeuer geschützt gewesen.

Im Frieden waren die umzäunten Festen Anlagen mit Holzhäusern überbaut, das abgedeckte Rohr und die Entlüftungsschächte waren jedoch sichtbar. Für eine Person, ohne militärisches Wissen oder Kenntnis der Anlage, sahen sie deshalb wie Hütten aus. Wenn man die Hütten jedoch entfernte, kam der Panzerturm zum Vorschein, den man im Einsatz mit Netzen und Zweigen getarnt hätte, um ihn wieder „unsichtbar“ zu machen. Darüber hinaus waren Scheinanlagen angelegt, um den Gegner zu täuschen.

Eine Panzerabwehrkanone 52 (vorne) und ein "Centurion"-Turm bei der Kleinkaliber-Schießanlage in der Ostarrichi-Kaserne. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Eine Panzerabwehrkanone 52 (vorne) und ein "Centurion"-Turm bei der Kleinkaliber-Schießanlage in der Ostarrichi-Kaserne. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Ein Panzerabwehrkanone 52 (PAK 52) beim Scharfschießen. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Ein Panzerabwehrkanone 52 (PAK 52) beim Scharfschießen. (Foto: Bundesheer/Archiv Jägerbataillon 12)
Ein Panzerabwehrkanone 52 (PAK 52) in einer getarnten Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Ein Panzerabwehrkanone 52 (PAK 52) in einer getarnten Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Die Geschützbedienung einer Panzerabwehrkanone 52 (PAK 52) während einer Übung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Die Geschützbedienung einer Panzerabwehrkanone 52 (PAK 52) während einer Übung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Bewegliche Panzerabwehr 

Zwischen den Festen Anlagen der Schlüsselzone 35, mit ihren etwa 70 stationären Panzerkanonen, hätten sich noch 33 bewegliche 8,5-cm-Panzerkanonen (PAK 52) befunden. Diese hatten zwar den Nachteil, dass sie keinen Splitterschutz gegen Steilfeuer hatten, dennoch hätten sie einen Gegner empfindlich in der Flanke treffen und so seinen Vorstoß erschweren können. Zusätzlich waren die Sperrbataillone in dieser Schlüsselzone mit 54 Panzerabwehrrohren 66/79 (PAR 66/79) und 108 Panzerabwehrrohren 70 (PAR 70) ausgestattet.

Gegen Ende der Raumverteidigung wurden die PAK 52 teilweise durch leichte rückstoßfreie 10,6-cm-Panzerabwehrkanone (rPAK) ersetzt, die sich jedoch nicht bei den Landwehrregimentern, sondern bei den mobilen Brigaden befanden. Dieses Waffensystem war zwar relativ beweglich, hatte jedoch den Nachteil, dass es dafür keine adäquate Munition gab. Beispielsweise war für die rPAK keine Hohlladungsgranate eingeführt, weshalb ihre Durchschlagsleistung gering war.

Zwei Schützen - einer mit dem Panzerabwehrrohr 66/79 (PAR 66/79), der andere mit dem Sturmgewehr 58 (StG 58) - in Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Zwei Schützen - einer mit dem Panzerabwehrrohr 66/79 (PAR 66/79), der andere mit dem Sturmgewehr 58 (StG 58) - in Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Schütze mit Panzerabwehrrohr 66/79 (PAR 66/79). (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Schütze mit Panzerabwehrrohr 66/79 (PAR 66/79). (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Zwei Schützen - einer mit dem Panzerabwehrrohr 70 (PAR 70), der andere mit dem Sturmgewehr 58 (StG 58) - in Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Zwei Schützen - einer mit dem Panzerabwehrrohr 70 (PAR 70), der andere mit dem Sturmgewehr 58 (StG 58) - in Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Zwei Schützen mit Panzerabwehrrohr 70 (PAR 70) und Sturmgewehr 77 (StG 77). (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Zwei Schützen mit Panzerabwehrrohr 70 (PAR 70) und Sturmgewehr 77 (StG 77). (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Eine rückstoßfreie Panzerabwehrkanone (rPAK) in einer eingedeckten Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Eine rückstoßfreie Panzerabwehrkanone (rPAK) in einer eingedeckten Stellung. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Ein Vizeleutnant richtet eine rückstoßfreie Panzerabwehrkanone (rPAK) ein. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Ein Vizeleutnant richtet eine rückstoßfreie Panzerabwehrkanone (rPAK) ein. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Sperrmaßnahmen

Die geplante Einsatzführung in der Schlüsselzone 35 war auf umfangreiche Sperrmaßnahmen abgestützt, die geplant und teilweise vorbereitet waren. Dadurch sollte der Gegner nicht nur verlangsamt, sondern auch zum Stehen gebracht werden, um ihn leichter treffen zu können. Die vorbereiteten und geplanten Sperrmaßnahmen waren in Sperrplänen dokumentiert, in denen jene Räume eingezeichnet waren, die gesperrt werden sollten. Darin waren beispielsweise die Standorte der Haupt- und Zusatzsperren, der Panzergräben, Panzerigel oder Minenfelder eingezeichnet. Die exakte Planung war eine wesentliche Grundlage für die erfolgreiche Durchführung der Sperrmaßnahmen. Es war beinahe im Stundentakt geplant, was wann durchzuführen gewesen wäre.

Ein Beispiel für diese Sperrvorbereitungen sind die viereckigen „Metallkästen“ in der Fahrbahn vor Brücken. Dabei handelt es sich um Abdeckungen von Schächten für Stecksperren. Zusätzlich befanden sich Panzerigel neben vielen Brücken, die dort gelagert wurden, um sie bei Bedarf rasch aufzubauen. Diese sollten auch auf dem freien Feld aufgestellt werden, wo sie - in mehreren Reihen hintereinander aufgebaut und mit Stahlseilen verbunden - ein kaum zu überwindendes Hindernis dargestellt hätten. Eine weitere geplante Maßnahme, die jedoch nicht umgesetzt wurde, waren Schlauchleitungen, die eingegraben verlegt werden sollten. Im Mobilmachungsfall hätte flüssiger Sprengstoff in diese gepumpt werden sollen, um in weiterer Folge Panzergräben zu sprengen und gegnerische Panzerkräfte aufzuhalten.

Übung in der Ära der Raumverteidigung mit Panzersperren und Schützenpanzer. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Übung in der Ära der Raumverteidigung mit Panzersperren und Schützenpanzer. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Ein Panzerabwehrrohrschütze hat einen Panzer im Visier. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
Ein Panzerabwehrrohrschütze hat einen Panzer im Visier. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)

Abwehrsystem Donau 

Das Abwehrsystem Donau war eine Sperrmaßnahme mit der das Machland nördlich der Donau und die Donauauen bei Strengberg, Wallsee bzw. Ardagger südlich der Donau gezielt überflutet werden sollten. Die Absicht war, diese Geländeabschnitte durch ein absichtlich herbeigeführtes Hochwasser für die Bewegung mechanisierter Kräfte zu sperren. Damit sollten nicht nur Bewegungen entlang der Donau, sondern vor allem das Übersetzen des Flusses verhindert werden. In den Sperrplänen war exakt festgelegt wann, wo, was von wem zu tun wäre, um die gewünschte Überflutung herbeizuführen. Schließlich konnte nur durch die exakte Abfolge, wann welcher Donaudamm gesprengt worden wäre, die gewünschte Wirkung erzielt werden.

Die Sprengung der Donaukraftwerke war nicht vorgesehen, da diese ein Teil der „lebensnotwendigen Infrastruktur“ waren und sind. Durch eine zeitlich genau geplante Öffnung der Wehranlagen der Kraftwerke wollte man jedoch eine Absenkung der Staustufen erreichen und dadurch die Fließgeschwindigkeit der Donau so weit erhöhen, um das Überqueren des Flusses bzw. das Anlanden am anderen Ufer unmöglich zu machen.

Teil 2: Der Kräfteeinsatz in der Schlüsselzone 35

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST; Oberst Rudolf Halbartschlager, MSD ist Kommandant des Jägerbataillons 12 in Amstetten.

Artikelserie "Der Weg zur Raumverteidigung":

Teil 1: Vom Staatsvertrag zur Spannocchi-Doktrin

Teil 2: Strategische Lage und Bedrohungsbild in den 70er und 80er Jahren

Teil 3: Die Realisierung des Konzepts der Raumverteidigung 

"Centurion"-Panzerturm einer Festen Anlage. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
"Centurion"-Panzerturm einer Festen Anlage. (Foto: Bundesheer/Archiv Truppendienst)
 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Kauf Michael // 31.08.2018, 16:14 Uhr Sehr geehrte Redaktion!
    Diese Serie ist nicht nur historisch sehr interessant, sondern die damaligen Ideen sind auch für etliche heutige Einsätze, bei entsprechend angepasster Anwendung, geeignet. Ich habe damals, EF 1977 in Spratzen, beim PzB10, und in der Folge im NTB-Bereich, VR1, etc. einige Übungen mitgemacht, bei denen ja diese Planung geübt wurde. Natürlich hatte man nicht den großen Überblick, aber da wir EF ja interessiert waren, etwas sinnvolles zu tun, haben wir uns ja entsprechend informiert. Auch später bei Übungen, wo ich als Kdt eingeteilt war, konnte ich die meisten - anfangs nicht immer begeisterten Reservisten - durch Erzählen und Erklären dieser Idee - doch oft von dieser realistischen Chance der Landesverteidigung überzeugen.
    Die dahinterliegende politische Absicht, vor allem, dass es nie wieder ein widerstandsloses Aufgeben wie 1938 geben dürfe, wurde durchaus akzeptiert. Allerdings wurde die Umsetzbarkeit bezweifelt - auch bei mir -, weil bei allen (!) Übungen der eklatante Mangel an Gerät, Material, etc. zu spüren war. Das begann bei Klopapier und endete z. B. bei einem Notstromaggregat, für das wir zwar 200.000 l Diesel bzw. Benzin hatten, aber keinen Liter Motoröl! Von fehlenden Fahrzeugen, Funkgeräten, etc. ganz zu schweigen. Ich habe damals, so zwischen 1980 und 1995, 3 Mal seitenlange Übungsberichte an den jeweiligen Bundesminister (lustigerweise jedes Mal von einer anderen Partei) geschrieben, weil mich das so ärgerte. Es ist auch immer wieder besser geworden, wie dass Steyr 680 von nicht übenden Truppenteilen ausgeborgt wurde und ähnliches.
    In der Summe war aber klar, dass eine solche Verteidigung ein politisches Muss war. Aber auch, dass die Verluste des BH gewaltig gewesen wären - und ob tatsächlich der Einsatzbefehl erfolgt wäre, da bin ich mir auch heute nicht sicher. Die jetzt vorliegenden Informationen, dass andere WP-Militärs diese Idee und Umsetzung sehr wohl ernst genommen und als wirksam eingeschätzt haben, freuen mich noch im nachhinein. Ich bin auch überzeugt, dass rd. 80 % der jemals mit mir übenden Männer der Einberufung gefolgt wären und das bestmöglich versucht hätten.
    Vorschlag für weitere Artikel: Beschreibung der Orte der FAN, Bauweise, Schicksal etc...
    Mit besten Grüßen!
    Michael Kauf, OltdRes