• Veröffentlichungsdatum: 24.05.2019
  • – Letztes Update: 04.10.2019

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Bunker gegen Hitler - Teil 1

Gerold Keusch

(Foto:  Bundesarchiv, Bild 183-58507-003/CC-BY-SA 3.0, RedTD Barthou; Montage: Keusch)
(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-58507-003/CC-BY-SA 3.0, RedTD Barthou; Montage: Keusch)

Hintergründe und Ausgangslage

30. September 1938: Europa jubelt, dass der Frieden erhalten bleibt. In Berlin, Rom, Paris und London sind Zehntausende auf den Straßen und feiern ihre Staatsführer. Der britische Premierminister Neville Chamberlain hält ein Stück Papier in die Kameras der Wochenschauen - das „Münchner Abkommen“. Dieses sollte sicherstellen, dass Deutschland und Großbritannien nie wieder Krieg gegeneinander führen würden. 

Mit dem Münchner Abkommen konnte der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler die mehrheitlich deutschsprachigen Sudetengebiete, die bis 1918 ein Teil der k.u.k. Monarchie und danach der Tschechoslowakischen Republik (CSR) waren, dem Deutschen Reich einverleiben. Ein diplomatischer Sieg, der nach dem Anschluss Österreichs im März der zweite Gebietsgewinn des Jahres 1938 für Deutschland war. Im Gegenzug versprach Hitler keine weiteren territorialen Forderungen zu stellen. 

Die Staatschefs, die das „Münchner Abkommen“ im September 1938 aushandelten (v.l.n.r.): Neville Chamberlain (GB), Edouard Daladier (F), Adolf Hitler (D) und Benito Mussolini (I). (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R69173/CC-BY-SA 3.0)
Die Staatschefs, die das „Münchner Abkommen“ im September 1938 aushandelten (v.l.n.r.): Neville Chamberlain (GB), Edouard Daladier (F), Adolf Hitler (D) und Benito Mussolini (I). (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R69173/CC-BY-SA 3.0)

Politischer Feldzug 

Am 1. Oktober 1938 marschierte die Deutsche Wehrmacht in die Sudetengebiete ein. Die Bürger der Tschechoslowakei und die sudetendeutschen Gegner der Nationalsozialisten waren geschockt. Sie fühlten sich von ihren Schutzmächten (Großbritannien und Frankreich) verraten. Schließlich mussten sie das Ergebnis von Verhandlungen akzeptieren, an denen ihre Regierung nicht teilnehmen durfte, und die Abtretung eines Fünftels des Staatsgebietes, in dem etwa ein Fünftel der Bevölkerung lebte, zur Kenntnis nehmen. 

Die tschechoslowakische Armee war zwar mobilisiert und hatte ihre Verteidigungsstellungen an der Grenze bezogen. Aufgrund der fehlenden Unterstützung ihrer Alliierten verzichtete sie aber auf eine militärische Verteidigung. Die CSR verfügte zu diesem Zeitpunkt über eine stark ausgebaute Grenzbefestigung und eine modern ausgerüstete Armee mit einer Stärke von über einer Million Soldaten. Ohne die Unterstützung der Westmächte wäre ein Krieg gegen die Deutsche Wehrmacht jedoch nicht zu gewinnen gewesen. Da auf politisch-diplomatischer Ebene bereits Tatsachen geschaffen worden waren, wäre ein militärisches Kräftemessen auch nicht mehr zielführend gewesen.

 Möglich wurde dieser „politische Feldzug“ durch die Appeasement-Politik, der außenpolitischen Leitlinie von Großbritanniens Premierminister Neville Chamberlain gegenüber dem NS-Regime. Durch Zurückhaltung, Zugeständnisse und politisches Entgegenkommen wollte man Hitler beschwichtigen und einen Krieg vermeiden. In der Praxis wurde dadurch die Verteidigung der CSR außer Kraft gesetzt, der Staat politisch und militärisch de facto handlungsunfähig und die Vorausetzungen für dessen endgültige Zerschlagung geschaffen. 

Einmarsch deutscher Truppen im Sudetenland im Oktober 1938. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1978-119-06A(CC-BY-SA 3.0)
Einmarsch deutscher Truppen im Sudetenland im Oktober 1938. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1978-119-06A(CC-BY-SA 3.0)
Deutsche Panzerspähwagen stehen zum Einmarsch in das Sudetenland bereit. (Bundesarchiv Bild 146-2003-0041/CC-BY-SA 3.0).
Deutsche Panzerspähwagen stehen zum Einmarsch in das Sudetenland bereit. (Bundesarchiv Bild 146-2003-0041/CC-BY-SA 3.0).
Parade der Deutschen Wehrmacht, unter anderem mit Panzerkampfwagen 1, im Zuge der Annexion des Sudetenlandes 1938. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0020/CC-BY-SA 3.0)
Parade der Deutschen Wehrmacht, unter anderem mit Panzerkampfwagen 1, im Zuge der Annexion des Sudetenlandes 1938. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0020/CC-BY-SA 3.0)

Bedrohungslage

Die CSR wurde 1918 gegründet. Sie war ein Nachfolgestaat der k.u.k. Monarchie und ein Zusammenschluss der ehemals österreichischen Kronländer Böhmen und Mähren sowie der Slowakei, die davor zur ungarischen Reichshälfte gehört hatte. In Böhmen und Mähren lebten mehrheitlich Tschechen sowie knapp drei Millionen Deutschsprachige (Sudetendeutsche), die zum Großteil in den nördlichen, westlichen und südlichen Grenzgebieten und teilweise im Landesinneren beheimatet waren. 

Der Staat ging nach seiner Gründung von einer grundsätzlichen Gefährdung seines Territoriums durch Deutschland, Ungarn, Österreich sowie Polen aus. Ungarn und Österreich deshalb, da diese Staaten nach dem Ersten Weltkrieg Gebiete an die CSR abtreten mussten und in den Grenzgebieten Bevölkerungsgruppen dieser Staaten in teilweise homogenen Siedlungsgebieten lebten. Diese Gefahr wurde jedoch als relativ gering beurteilt, da diese Staaten wirtschaftlich geschwächt und ihre Streitkräfte durch die Pariser Vororteverträge zerschlagen waren. 

Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen Partei. (Foto: unbekann/gemeinfrei)
Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen Partei. (Foto: unbekann/gemeinfrei)

Hauptgefahr aus Deutschland 

Relevanter war die potenzielle militärische Gefahr, die von Deutschland ausging. Obwohl es nach 1918 keine grundsätzlichen Gebietsansprüche gab, waren die großdeutschen Bestrebungen - alle Deutschsprachigen in einem Reich zu vereinen - eine latente Bedrohung. Diese Bedrohung verstärkte sich durch das Anwachsen der Nationalsozialisten, die zunächst ein Großdeutschland schaffen und danach in den Osten expandieren wollten. Am 30. Jänner 1933 kam Hitler in Deutschland an die Macht, der die Theorie der NS-Ideologie nun schrittweise in die Praxis umsetzte. 

Ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Sudetendeutsche Partei von Konrad Henlein zur Sammelpartei der Sudetendeutschen. Ihre Rhetorik wurde immer aggressiver und ab 1937 bekannte sie sich offen zum Nationalsozialismus. Früher oder später mussten die Entwicklungen, die von NS-Deutschland angestoßen wurden, zu einer Konfrontation zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland führen. Dass diese eine militärische werden würde, war allen Beteiligten klar und auch in der Logik der Zeit verankert. 

Eigene Lage 

Die CSR war ein Binnenstaat mit etwa 15 Millionen Staatsbürgern und einer Staatsfläche von etwa 140 500 km². Die Ost-West-Ausdehnung betrug knapp 900 km, die Nord-Süd-Ausdehnung zwischen 270 und 140 km (Böhmen und Mähren) und 70 bis 90 km (Ostslowakei). Die Grenzlinie zu Deutschland betrug etwa 1 100 km, zu Österreich etwa 400 km, zu Ungarn etwa 600 km, zu Rumänien etwa 200 km und zu Polen etwa 700 km. Die langgestreckte, schmale Form des Staates und die lange Grenzlinie waren ein militärisches Risiko, weil dadurch eine Trennung des Territoriums relativ einfach möglich war. 

Die Tschechoslowakei war zwischen 1918 und 1939 eine Demokratie, deren Bevölkerung über einen relativ hohen Wehrwillen verfügte. Sie hatte eine leistungsfähige Industrie, die moderne Waffen- und Rüstungsgüter herstellte. Gemeinsam mit Rumänien und Jugoslawien bildete die CSR seit den frühen 1920er-Jahren die Kleine Entente und war durch den französisch-tschechoslowakischen Vertrag von 1924 in das französische Bündnis- und Sicherheitssystem eingebunden. Zusätzlich gab es seit 1935 einen militärischen Beistandspakt mit der Sowjetunion.

Die Sprachgruppen der Tschechoslowakei im Jahr 1930. (Grafik: Henry Mühlpfordt/CC-BY-SA 3.0)
Die Sprachgruppen der Tschechoslowakei im Jahr 1930. (Grafik: Henry Mühlpfordt/CC-BY-SA 3.0)
Die beurteilten Richtungen eines deutschen Angriffes auf die Tschechoslowakei und die (geplanten) Linien der tschechoslowakischen Landesbefestigung. (Grafik: RedTD/Rizzardi)
Die beurteilten Richtungen eines deutschen Angriffes auf die Tschechoslowakei und die (geplanten) Linien der tschechoslowakischen Landesbefestigung. (Grafik: RedTD/Rizzardi)

Politische Absicht und militärstrategischer Entschluss 

Die Tschechoslowakische Republik hatte die Absicht, ihren Staat in den Grenzen von 1918 aufrechtzuerhalten. Ihre Führung war entschlossen, alle politischen, militärischen und diplomatischen Schritte zu setzen, um das auch zu bewerkstelligen. Eine personell und materiell möglichst starke und moderne Streitmacht sollte mit einem auf Feste Anlagen abgestützten Verteidigungssystem dem Gegner bei einem Angriff hohe Verluste zufügen und ihn so von einem Angriff abhalten. 

Militärstrategisches Konzept

Hinsichtlich des Gesamtverteidigungsplanes war ein hinhaltender Kampf, vom Westen Richtung Osten bis zur Slowakei, vorgesehen. Die nördliche Verteidigungslinie (Grenze zu Deutschland) und die südliche Verteidigungslinie (Grenze zu Österreich) sollten die Flankenbedrohungen absichern. An der mährisch-slowakischen Grenze hätte die Armee starke Verteidigungsstellungen beziehen und den Vormarsch stoppen sollen. Danach sollte ein Gegenangriff mit Unterstützung britischer, französischer und sowjetischer Kräfte erfolgen, um den Aggressor aus dem Staatsgebiet zu werfen und wieder die Kontrolle über das eigene Territorium zu erlangen. 

Der Ausbau der Verteidigungswerke und der Aufbau der Armee sollten mit Masse bis zum Jahr 1945 abgeschlossen sein und schrittweise so erfolgen, dass man so früh wie möglich abwehrbereit war. Spätestens in den 1950er-Jahren hätte die CSR voll abwehrbereit und die Landesbefestigung fertig ausgebaut sein sollen. Zusätzlich wurden die Produktionszahlen der tschechoslowakischen Rüstungs-, Waffen- und Munitionsindustrie schrittweise erhöht, um die Ausrüstung und Ausstattung der Streitkräfte sicherzustellen. 

Link zu Teil 2

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Ein leichter Bunker des Tschechoslowakischen Walls nach der Annexion des Sudetenlandes. (Foto: Militärmuseum Prag)
Ein leichter Bunker des Tschechoslowakischen Walls nach der Annexion des Sudetenlandes. (Foto: Militärmuseum Prag)
Ein leichter Bunker des Tschechoslowakischen Walls in einem Wald nach der Annexion des Sudetenlandes. (Foto: Militärmuseum Prag)
Ein leichter Bunker des Tschechoslowakischen Walls in einem Wald nach der Annexion des Sudetenlandes. (Foto: Militärmuseum Prag)
 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Michael Kauf // 28.05.2019, 14:01 Uhr Sehr geehrte Redaktion!
    Ab 1937 war man sich der Gefahr bewußt - und plante einen Ausbau der LV bis in die späten 50er Jahre? Da hat man aber die Lage aber doch etwas falsch beurteilt!
    Schon klar, daß die Bauwerke, Aufrüstung, etc...dauert, aber mehr als 20 Jahre dafür zu veranschlagen, war - wenn die Politiker wirklich einen deutschen Angriff oder zumindest die Drohung damit - befürchteten, entweder fahrlässig oder Absicht. Vielleicht waren auch Großdeutschland - freundliche Personen involviert, die absichtlich eine so lange Zeit ansetzten.
    Man wird es wohl nicht erfahren...
    Conclusio: Warte nicht bis es brennt und verlasse dich nie/möglichst wenig auf andere! Wer wirklich Freund und Feind ist, zeigt sich immer erst im konkreten Anlaßfall!
    Mit kameradschaftlichen Grüßen!
    Michael Kauf, OltdRes